Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 26. August 2014

Lassen Sie uns heute ein wenig über die Frage nachsinnen, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Über kaum eine andere Frage kann man an der Börse und im sonstigen Leben so lange und so leidenschaftlich streiten wie diese.

Definieren wir dazu kurz die Ausgangslage: Der DAX kam von über 10.000 Punkten, fiel auf unter 9.000 Punkte zurück und ging gestern Abend mit einem Schlussstand von 9.510 Punkten aus dem Handel. Von den über 1.000 Punkten, die zwischenzeitlich verloren wurden, ist die Hälfte damit wieder aufgeholt.      

Das erste Widerstandsband im Bereich von 9.350 Punkten hat den DAX auf seinem Weg nach oben lange aufgehalten. Einige Tage rangen Bullen und Bären in diesem Bereich um die Vorherrschaft und zwangen den Index in eine zähe Seitwärtsbewegung.

Gestern wurde diese mit einem satten Kurssprung verlassen. Die Bullen konnten das Ringen für sich entscheiden und der Index notiert nun exakt an der 200 Tage Linie. Auch sie dürfte eine Weile umkämpft sein, spricht doch grob gesprochen ein DAX-Stand oberhalb der 200 Tage Linie für einen steigenden Trend und ein Index Stand unterhalb der viel beachteten Marke für einen abwärtsgerichteten Trend.

So weit die Fakten, über die man sich kaum ernsthaft streiten kann. Viel spannender und auch viel kontroverser zu diskutieren ist die Frage, wie man diese denn nun auslegen will. Sind die 500 Punkte, die der DAX seit seinem Tiefs vom Anfang des Monats wieder ansteigen konnte, ein Erfolg, nur ein mäßiger Erfolg oder gar ein krasser Misserfolg?

Für jede der drei skizzierten Antwortmöglichkeiten finden sich Argumente, die auch von anders eingestellten Diskussionsteilnehmern nicht leicht vom Tisch zu wischen sind. Beginnen wir mit der These, der Anstieg von 500 Punkten sei ein Erfolg.

Wer diese These vertritt, hat sicher noch gut die katastrophale Stimmung im Blick, die während der Abwärtstage teilweise aufgekommen ist. An beinahe jeder Ecke wartete ein Crashprophet auf die Anleger und der finanztechnische Weltuntergang schien manchem Zeitgenossen nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Börsianer sind für ihre selektive Wahrnehmung bekannt, aber wer sich vor gut zwei oder drei Wochen mit den Worten „am 25. August steht der DAX wieder bei 9.500 Punkten“ hätte zitieren lassen, wäre von den meisten entweder gar nicht zur Kenntnis genommen oder müde belächelt worden. Insofern ist der Anstieg der letzten Tage in der Tat ein Erfolg, über den man sich freuen kann.

Er ist allerdings nur ein mäßiger Erfolg, wenn man bedenkt, was anderswo möglich war. Bei den Vertretern dieser Thesen richtet sich der Blick schnell auf andere Börsenplätze und ihre Indizes. Sie haben den deutschen DAX in den letzten beiden Wochen eher schwach aussehen lassen. In den drei klassischen Disziplinen „schneller“, „weiter“ und „höher“ hinkte der DAX tagelang hinterher.

Vielleicht lag es daran, dass Frankfurt der Ostukraine geographisch näher liegt als Shanghai oder New York. Aber verglichen zu den Anstiegen einiger ausländischer Börsen, verlief die Entwicklung des deutschen Leitindex eher langsam und gemächlich. Investoren mit diesem Blickwinkel haben keinen Grund verzweifelt zu sein, einen Anlass zum überschwänglichen Jubeln haben sie allerdings auch nicht.

Wer als Anleger nach einem Grund sucht, enttäuscht zu sein, der schaut in diesen Tagen am besten nach New York. Die DAX-Bullen freuen sich, dass sie die Hälfte der Abwärtsbewegung wieder wettgemacht haben? Eine echt lahme Vorstellung, wenn man bedenkt, dass der Dow Jones schon wieder knapp unter seinem Allzeithoch steht und der S&P 500 und der NASDAQ100 diese sogar überwunden haben.

Legt man die gleiche Messlatte an den DAX an, so kann man beim Blick auf die Kurstafel nur enttäuscht sein, denn der DAX müsste heute wieder im Bereich der 10.000 Punkte notieren, würden sich die deutschen Aktien in diesen Tagen ähnlich robust präsentieren wie die amerikanischen.

Für die Anhänger dieser Sichtweise besteht also nicht nur ein Grund zur Klage, sondern auch ein berechtigter Grund zur Sorge, denn wenn der DAX schon in der Aufwärtsphase den amerikanischen Vorgaben nicht folgen kann, wie soll es dann erst werden, wenn die US-Börsen husten und wieder den Rückwärtsgang einlegen?

Alle anderen können ein wenig Optimismus praktizieren und darauf hoffen, dass Dow Jones und Co. ihre Aufwärtsbewegung noch nicht abgeschlossen haben und deshalb auch der DAX durchaus noch weiter steigen kann.

Bei so viel Auswahl dürfte eigentlich für jeden Anleger, die zu ihm und seiner Stimmung passende Sichtweise vorhanden sein und es kann sich keiner beschweren, emotional zu kurz zu kommen. Welche Sichtweise die richtige ist, kann ich Ihnen heute noch nicht sagen. Fragen Sie mich das mal in zwei bis drei Wochen. Ich weiß nur, dass der Index gestern bei 9.510 Punkten geschlossen hat.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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