Pulverfässer muss man ignorieren – Der DAX im Angesicht der Krise

Bernd Heim
By Bernd Heim / 27. August 2014

Folgt der DAX nur einem neuen Aufwärtstrend oder stumpfen wir alle mit der Zeit immer weiter ab? Fragen wie diese kommen leicht auf, wenn Aktien und Indizes einfach nur stramm in eine Richtung zu marschieren scheinen und auch Nachrichten, die eigentlich aufhorchen lassen sollten, das Kursgeschehen nicht mehr beeinflussen.

Der kurzfristige Trend ist klar aufwärtsgerichtet. Daran kann inzwischen kein Zweifel mehr bestehen. Wir sehen eine v-förmig verlaufende Erholung und die Widerstände, die bislang auf dem Weg lagen, konnte der Index nach und nach überwinden.      

Auch gestern ging es wieder ein gutes Stück aufwärts und mit einem Schlussstand von 9.588 Punkten hat sich der DAX der runden 9.600er Marke wieder auf Schlagweite angenähert. Es sind „nur“ noch 400 Punkte und wir stehen wieder knapp unterhalb der viel beachteten 10.000 Punkte Marke.

Eine Entwicklung wie diese, hätte man vor zehn Tagen kaum für möglich gehalten. „Damals“ schickte die Meldung, ein russischer Militärkonvoi sei in der Ostukraine gestellt und von der ukrainischen Armee angegriffen und teilweise vernichtet worden, den DAX am Ende einer an sich ganz ansprechend verlaufenen Handelswoche schlagartig wieder auf Talfahrt.

Am Dienstag dieser Woche meldete die Ukraine die Gefangennahme russischer Soldaten. Es gibt Hinweise auf frische Soldatengräber an russischen Militärstützpunkten im Baltikum und selbst die Regierung in Moskau kam nicht umhin, einzugestehen, dass einige ihrer Soldaten vom rechten Weg abgekommen und „versehentlich“ in der Ukraine gelandet seien, doch die westlichen Börsen zucken nur achtlos mit den Schultern und setzen ihren einmal eingeschlagenen Weg der Erholung unbekümmert fort.

Das nennt man wohl ‚Gewöhnung an schlechte Nachrichten‘ oder sollte man lieber von ‚zynischer Unbekümmertheit‘ sprechen? Egal, wie die Frage beantwortet wird, es zeigt sich immer deutlicher, dass die Börsen dazu übergehen möchten, das leidige Thema ‚Krieg in der Ostukraine‘ endlich abzuhaken.

Der Wunsch ist verständlich, denn wir Menschen können uns nicht über Gebühr mit Leid, Tod und negativen Dingen auseinandersetzen. Früher oder später kommt der Punkt, an dem eine gewisse Unempfindlichkeit für das Negative, das wir sehen und erleben, auftritt und unsere Psyche schützt, damit wir weiter leben können.

Das Leid ist dann zwar immer noch da, doch es verliert seinen Schrecken. Der Soldat, der viele seiner Kameraden hat sterben sehen, sagt sich, es wird auch in Zukunft nicht mich, sondern die anderen treffen und richtet sich irgendwie ein. Ähnliche Überlebensstrategien entwickeln Zivilisten und Börsianer.

Ich hatte schon vor einigen Tagen den Gedanken geäußert, dass dieser Punkt langsam erreicht sein könnte. Der Handels- und Nachrichtenverlauf vom Dienstag ist ein weiteres Indiz, das für den Beginn einer solchen Entwicklung sprechen könnte.

Die entscheidende Frage ist allerdings, ob der Konflikt oder besser gesagt die Konfliktparteien es den Investoren erlauben werden, sich in ihre eigene Gedankenwelt zurückzuziehen.

Was die Flucht der Anleger begünstigt, ist die Tatsache, dass auf beiden Seiten in den vergangenen Monaten ebenso massiv wie schamlos gelogen wurde. ‚“Wenn mir keiner mehr die Wahrheit sagt, höre ich irgendwann nicht mehr so genau hin, denn ich kann als Außenstehender ohnehin nicht überprüfen, wer lügt und wer die Wahrheit spricht.“

Ein Anleger, der so denkt, distanziert sich bewusst oder unbewusst immer weiter von der Gefahr bzw. den Gefahrenquellen. Das bietet ihm im ersten Moment einen höheren psychologischen Schutz. Erkauft werden dieser Schutz und das mit ihm einhergehende Wohlbefinden jedoch mit der Gefahr, extrem unangenehm überrascht zu werden.

Man schickt Soldaten nicht mit einem Kampfauftrag über die Landesgrenze, wenn man wirklich kompromisslos den Frieden will. Insofern scheint der Konflikt in der Ukraine derzeit an einem neuralgischen Punkt angekommen.

Das Pulverfass, die Lunte und die vielen brennenden Fackeln, die die verschiedenen Politiker, Geheimdienstler, Militärs und Separatisten in ihren Händen halten, sind einander sehr nahegekommen. Eine kleine Unachtsamkeit und der Funke kann überspringen.

Die Investoren tun entweder so, als ginge sie das alles nichts an oder sie nehmen, wie es die Börse immer wieder gerne tut, die Zukunft vorweg. In diesem Fall würden die steigenden Kurse auf eine baldige Entspannung des Konflikts hinweisen. Eine Vorstellung, die gewiss sehr angenehm ist. Aber ist sie auch realistisch?

Geht man einen Moment davon aus, dass die politische Prognosefähigkeit der Anleger schwächer ausgebildet ist als ihr Vermögen, wirtschaftliche Zusammenhänge frühzeitig erkennen und in den Kursen antizipieren zu können, wird schnell deutlich, wie dünn das Seil ist, auf dem Deutschlands Anleger derzeit über den ukrainischen Abgrund balancieren.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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