DAX: Konspiratives Treffen kurz vor Börsenbeginn

Heute will ich mich Ihnen gegenüber einmal in einer neuen Rolle als ‚Märchen- und Geschichtenerzähler‘ präsentieren und von einem Ereignis berichten, das in Wirklichkeit gar nicht stattgefunden hat. Mal sehen, ob Sie mir glauben werden:

„Gestern Morgen, kurz vor Börseneröffnung gegen 8 Uhr 35 kamen die Unterhändler der Bullen und Bären in einem kleinen, abseits der Deutschen Börse gelegenen Café zu einer konspirativen Besprechung zusammen und entschieden, an diesem Tag nichts zu entscheiden.      

Mit den äußerst unangenehmen Konsequenzen dieser Besprechung mussten die Anleger anschließend bis 17.30 Uhr leben. Im DAX tat sich so gut wie Nichts und die Volatilität war ausgesprochen gering. Nur magere 50 Punkte und eine gute Stunde Handelszeit lagen zwischen dem Hoch- und dem Tiefstkurs des Tages.

Vom Bundesnachrichtendienst und der NSA auf die Besprechung angesetzte Agenten berichten, dass es bei der nächsten Sitzung zu einer Entscheidung kommen könnte. Noch sei aber nicht klar, in welche Richtung der Sturm losbrechen werde.“

Soweit die ‚exklusive Nachricht‘, die ich Ihnen heute zu berichten haben. Ach, Sie glauben mir also nicht? Nun, das war ja fast kaum anders zu erwarten. Ich habe ja gleich gewusst, dass Sie die Wahrheit nicht vertragen und so muss ich mir nun notgedrungen etwas aus den Fingern saugen und von irgendwelchen Anlegermotiven berichten, die es gar nicht gibt.

Also, was wollen Sie denn hören? Dass man immer noch wegen Mario Draghis Aussage vom Wochenende jubelt? Hm, das könnte ich schreiben, aber ob das wirklich zum Chart und zu den Kursen passt? Ehrlich gesagt, ich habe da so meine Zweifel.

Lassen Sie mich mal überlegen, ich könnte schreiben, dass die Anleger wegen der Ukraine wieder tief besorgt sind und deshalb den Gipfelsturm vom Montag und Dienstag vorzeitig abgebrochen haben. Das würde zumindest zum Chart passen.

Sie müssen selbst in den Medien nur noch nach den passenden Nachrichten suchen. Die sind zwar etwas schwerer zu finden als an den Vortagen, aber wer lang genug sucht, der findet bekanntlich in jeder Suppe ein Haar und wenn es sein eigenes ist. Also warum nicht auch hier.

Ich bin mir sicher: Es wird sich je nach benötigter Lage und bevorzugter politischer Ideologie schon der richtige Propagandakanal finden lassen, wenn nicht in den offiziellen Medien, dann sicher in den Tiefen des Internets.

Haben Sie schon einmal bei den Verschwörungstheoretikern oder bei der CIA geschaut? Nein, dann suchen Sie doch einfach mal dort nach den passenden Meldungen. Sie werden sicher die eine oder andere Meldung finden, mit der sich am Ende alles, aber auch wirklich alles, erklären lässt.

Sie meinen, das reicht Ihnen als Erklärung für die müde Vorstellung des DAX vom Vortag immer noch nicht? Dann stellen Sie mich ehrlich gesagt vor ein Erklärungsproblem, denn als Lösung kann ich Ihnen nur noch anbieten, dass die DAX-Bullen gestern etwas erschöpft waren und sich ungefragt mal eine Auszeit genommen haben.

Ja genau, eine Auszeit. Die Jungs brauchten einfach mal einen Tag Pause. Ist wie in alten Schultagen. Ganz richtig: Ohne den Lehrer zu fragen, wurde einfach ein ganzer Tag blaugemacht. Ja, so ist sie die Jugend von heute. Man kann sich einfach auf nichts mehr verlassen, nicht einmal mehr auf die Amis am Nachmittag.

Andererseits, wenn wir mal ehrlich sind, ist das alles wie beim Fußball. Da gibt es auch einen Pausentee, sonst müsste in der zweiten Hälfte regelmäßig der Mann mit dem Beatmungsgerät aufs Feld und Sie wissen ja, das kommt beim Publikum nun wirklich nicht gut an, wenn auch die Spieler in den roten und grünen Trikots mit blau angelaufenem Kopf vom Spielfeld getragen werden müssen.

Ja genau, und deshalb hat der DFB auch die Halbzeitpause eingeführt und genau deshalb treffen sich in Frankfurt nicht nur die deutschen Fußballfunktionäre zu regelmäßigen Besprechungen, sondern morgens vor Börseneröffnung auch die Vertreter der Bullen und Bären.

Das will ich Ihnen doch nun schon die ganze Zeit erklären, aber Sie glauben mir einfach nicht. Das ist schade und das verstehe ich nicht. Aber gut, Sie haben mich überzeugt. Ab morgen werde ich wieder ausgesprochen seriös schreiben und nur noch von Dingen berichten, an die ich im Zweifelsfall selbst nicht glaube – versprochen ist versprochen – zumindest bis zu dem Tag, an dem mich wie Konrad Adenauer auch, mein Geschwätz vom Vortag überhaupt nicht mehr interessiert wird.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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