Vage Friedenshoffnungen und eine verstörende Nachricht aus Paris

Bernd Heim
By Bernd Heim / 4. September 2014

Eine vage Friedenshoffnung ließ den DAX zur Handelseröffnung am Mittwoch einen kräftigen Sprung machen. Die Ankündigung eines Waffenstillstands in der Ostukraine trieb die Kurse bis auf 9.677 Punkte. Im weiteren Verlauf des Tages fiel der Index wieder etwas zurück und pendelte zwischen 9.625 und 9.650 Punkten unentschlossen weiter.

Neben dem kräftigen Kurssprung zu Beginn des Börsenhandels war das unentschlossene Zögern in den Stunden danach auffällig. Weder wurden die Gewinne vollständig wieder abgegeben noch gelang es den Bullen den Schwung des frühen Morgens aufzugreifen und höhere Ziele in Angriff zu nehmen.      

Diese Unentschlossenheit könnte nicht nur auf etwa gleich starke Kräfte auf Käufer- wie Verkäuferseite verweisen, sondern auch ein Ausdruck für die Verunsicherung der Anleger sein. Gewiss, die Nachricht aus der Ukraine war beflügelnd. Sie war in gewisser Hinsicht das Befreiungssignal, auf das die Anleger schon so lange gewartet haben. Insofern ist der Kurssprung mehr als verständlich.

Auf der anderen Seite kann es um das Erinnerungsvermögen der Investoren noch nicht so schlimm bestellt sein, dass sie schon vergessen haben sollten, wie oft im Vormonat im Gazastreifen zwischen Israelis und der Hamas Waffenstillstände vereinbart wurden, die anschließend nicht eingehalten wurden.

So viel Vergesslichkeit ist selbst dem optimistischsten Anleger nicht zuzutrauen. Es muss also zunächst einmal abgewartet werden, ob den versöhnlichen Worten auch die entsprechenden Taten folgen. Aus diesem Grund ist auch die anschließende Zurückhaltung und Unentschlossenheit der Anleger mehr als verständlich.

Wir müssen allerdings damit rechnen, dass die Ankündigungen nicht mehr als ein taktisches Spielchen im Vorfeld des in wenigen Tagen beginnenden NATO-Gipfels sind. Aus russischer Sicht macht es Sinn, durch versöhnlichere Worte einen wie auch immer gearteten ‚harten‘ Beschluss, schon im Vorfeld etwas abzumildern. Bei Bedarf kann in der neuen Woche ja immer noch weitergeschossen werden.

Nicht ganz in das ‚Friede-Freude-Eierkuchen‘-Bild passen auch die Nachrichten, die aus Estland und Paris zu uns dringen. US Präsident Barack Obama hat in Tallinn deutliche Worte gefunden. So deutlich wie gegenüber seinen estnischen Gastgebern hat er schon lange nicht mehr zur Krise in der Ukraine Stellung genommen.

Man könnte jetzt einwenden, dass die Worte eine typische Rede für die Galerie seien und der Präsident einfach so reden musste, wie er geredet hat. Der Einwand ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Gleichzeitig müssen wir aber anerkennen, dass es gerade in der geschliffenen Sprache der Diplomaten viele feine Abstufungen gibt und Barack Obama wesentlich sanfter hätte sprechen können, wenn er es denn gewollt hätte.

Irritierend sind auch die Nachrichten aus Paris. Den ganzen Sommer über hat sich die französische Regierung über die Bedenken der USA und vieler osteuropäischen NATO-Partner hinweggesetzt und an einer Auslieferung der für Russland gefertigten ‚Mistral‘-Hubschrauberträger unbeirrt festgehalten.

Sie hat dabei immer den Anschein erweckt, als wären ihr wirtschaftliche Aspekte wichtiger als die aus der gegenwärtigen politischen Situation erwachsenden Einwände. Vor diesem Hintergrund überrascht es, dass die beiden Schiffe nun doch nicht geliefert werden sollen.

Eine plausible Erklärung, für den plötzlichen Meinungsumschwung innerhalb der Pariser Führung gibt es ebenso wenig wie eine befriedigende Antwort auf die Frage, warum die Nachricht über die Nichtlieferung der Kriegsschiffe ausgerechnet an jenem Tag in die Öffentlichkeit kommt, an dem zum ersten Mal eine halbwegs begründete Hoffnung auf einen Waffenstillstand aufkommt.

Die Schiffe sollen ohnehin erst Ende des Monats übergeben werden. Es bleibt also noch etwas Zeit, die man auch hätte zum Abwarten nutzen können. Da die Schiffe ohnehin so gut wie fertig sind, wird man die fehlenden Arbeiten sicher noch ausführen, egal, wer die Schiffe am Ende übernehmen wird, die Russen, Frankreich selbst oder ein dritter Staat.

Was überrascht, ist somit allein der Zeitpunkt an dem man diese Entscheidung verkündet. Die Schiffe sind bereits von den Russen bezahlt und die Gelder geflossen. Sie müssen nun zurücküberwiesen werden. Das ist wegen der beschlossenen Sanktionen zwar nicht ganz einfach, sollte sich aber doch irgendwie bewerkstelligen lassen.

Warum also nach der Sturheit des Sommers jetzt diese Eile? Würde sich an der Situation grundlegend etwas ändern, wenn die französische Regierung ihre Entscheidung erst am 13. oder gar am 23. September verkündet hätte?

Zehn oder zwanzig Tage zu warten hätte die Möglichkeit geboten zu erkennen, ob in der Ostukraine ein tragfähiger Waffenstillstand zustande kommt oder nicht. Dann hätte man immer noch, rechtzeitig bevor der letzte Arbeiter das Schiff verlässt, entscheiden können, was mit den beiden Hubschrauberträgern geschehen soll.

Durch die Veröffentlichung der Nachricht in dieser Woche parallel zum russischen Waffenstillstandsangebot kann leicht der Eindruck entstehen, dass es nicht allein um eine politische Entscheidung über ein Waffengeschäft ging, sondern auch darum, jemanden zu provozieren.

Wer dieser ‚jemand‘ ist, dürfte wohl auch für die Börsianer sehr leicht zu erraten sein. Ihr Jubel könnte zu früh gekommen sein, was im Gegenzug bedeutet, dass der anschließende Katzenjammer umso größer ausfällt. Das ist nicht nur für den DAX die Gefahr für die nächsten Tage.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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