Lassen Sie sich nicht einschläfern

Bernd Heim
By Bernd Heim / 17. September 2014

Sie kennen dieses Gefühl sicher aus Besprechungen, die nicht enden wollen. Man trifft sich nicht erst zum ersten Mal zu einem Thema und kreist mit seinen Gedanken doch beständig um Punkte, die eigentlich längst geklärt sein sollten. Die Luft im Raum ist stickig und die Augenlider werden von Minute zu Minute schwerer.

Am liebsten würde man sich aus der ganzen Diskussion schleunigst verabschieden, je schneller, desto besser. Aufstehen und gehen kann man leider nicht, also bleibt man notgedrungen auf seinem Platz, zumindest physisch, geistig hat man sich ohnehin schon längst in andere Gefilde verabschiedet.      

Irgendwann plagt einen dann das schlechte Gewissen und man hört doch wieder einen Moment lang aufmerksam zu, nur um enttäuscht festzustellen, dass sich nichts geändert hat und die altbekannten Argumente in der 150sten Endlosschleife mit einer Inbrunst erörtert werden, als höre man sie zum ersten Mal.

Wer danach wieder in den geistigen „Betriebsurlaubsmodus“ schaltet, läuft Gefahr, sich so weit vom Geschehen zu entfernen, dass selbst einschneidende Veränderungen nicht mehr rechtzeitig registriert werden.

Diese Gefahr besteht zwar nicht in jedem Fall, aber hin und wieder schon. Das waren die Momente, in denen uns die Lehrer in der Schule aus süßesten Träumen geweckt haben oder später im Berufsleben der Chef überraschend eine Frage an uns gerichtet hat, auf die wir gleich in zweifacher Hinsicht, also fachlich und mental, nur äußerst unzureichend vorbereitet waren.

An der Börse gibt es diese Art von Situationen auch, zwar ohne Lehrer und Chefs, aber deshalb nicht minder überraschend und verstörend in der Phase des Aufwachens. Auch hier schläfert uns der Markt immer wieder ein. Er pendelt über Tage, manchmal sogar Wochen und Monate lustlos und unentschlossen dahin und nimmt just in dem Augenblick wieder Fahrt auf, da kaum noch einer damit rechnet.

Das sind die Momente, in denen totgesagte Aktien oder Märkte plötzlich wieder in Schwung kommen und eine kaum noch für möglich gehaltene Stärke und Aktivität an den Tag legen. Das Gold war im Jahr 2001 in einer derartigen Situation, als es unbemerkt von den meisten Anlegern aus seinem „Tiefschlaf“ erwachte und eine neue langfristige Aufwärtsbewegung startete. Sie dauerte anschließend mehr als zehn Jahre.

Der DAX könnte – in einem deutlich kurzfristigeren Zeitfenster, etwa auf Wochen- oder Monatsebene– in diesen Tagen an einem ähnlichen Punkt angekommen sein. Gelähmt von den Ehrfurcht gebietenden Großereignissen ‚US-Notenbanksitzung‘, ’schottisches Unabhängigkeitsreferendum‘ und ‚dreifacher Verfallstag‘ erstarren die Anleger wie das Kaninchen vor der Schlange.

Keine Sorge, diese Starre wird sich irgendwann auch wieder legen. Die Frage ist nur wann. Mit etwas Glück erleben wir schon heute Abend im Anschluss an die FED-Sitzung eine erste Veränderung und es kommt wieder etwas mehr Bewegung in die Märkte.

Egal, was Janet Yellen und die übrigen FED-Gouverneure zu verkünden haben, eine der großen Anlegersorgen dieser Woche wird durch das Notenbankstatement auf jeden Fall aufgelöst werden. Es dürfte dann zumindest kurzfristig klar sein, wie es mit den US-Zinssätzen weitergehen wird.

Doch ob diese eine entledigte Sorge ausreichen wird, auch die übrigen Ängste beiseitezuschieben, das ist die große Frage. Sehr gut möglich ist, dass die Anleger nach einem kurzen Moment des Aufatmens wieder in die alte Lethargie zurückverfallen, weil die anderen „Sorgenkinder“ Schottland und Dreifacher Hexensabbat ja schließlich immer noch im Raum stehen.

In diesem Fall würde das große, nervtötende Warten weitergehen und der Markt uns einen weiteren Tag lang mit seinen unscheinbaren Bewegungen einlullen und schläfrig machen. Das ist die latente Gefahr einer Zeit wie der Woche, die wir gerade durchleben.

Wer im Auto am Steuer einschläft, läuft Gefahr, früher oder später im Straßengraben zu landen. Wer an der Börse zu unachtsam ist, muss damit rechnen, mit seinen Positionen überrannt zu werden, wenn sich eine bislang friedliche und eher inaktive Bullen- oder Bärenherde urplötzlich auf den Weg macht und losstürmt.

Es spricht nichts dagegen, auch an den Finanzmärkten mal ein Nickerchen zu machen und sich eine Auszeit zu gönnen. Doch sollten Sie darauf achten, Ihr Anlegerfeldbett an der Seitenlinie und nicht mitten auf dem Spielfeld aufzuschlagen. In diesem Sinn: Seien Sie weiterhin wachsam.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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