Auch für die FED gilt: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Bernd Heim
By Bernd Heim / 18. September 2014

Hand aufs Herz: Haben Sie gestern Abend auch vor dem Bildschirm gesessen? Haben Sie sich die verschwitzen Hände an der Hose trocken gerieben und ordentlich mitgefiebert? Ja, ganz richtig, mitgefiebert. Sie wissen schon, das ist der Zustand, wenn man meint, der eigene Herzschlag sei auch zwei Stockwerke höher noch überdeutlich zu vernehmen.

Nein, ich spreche jetzt nicht von den Spielen der Champions League, sondern von der Zinsentscheidung der US-Notenbank. Auf die werden Sie sich am Abend doch wohl hoffentlich konzentriert haben? Nein, nicht? Also jetzt enttäuschen Sie mich doch sehr.      

Niemand erwartet von Ihnen, dass Sie das FED-Statement auswendig lernen und auf der heutigen Fahrt zur Arbeit wie ein Gedicht zitieren, aber nachschauen, ob alle wichtigen Worte noch enthalten sind oder einige überraschend abhanden gekommen sind, hätten Sie schon gekonnt. Das ist doch das Mindeste, was man von einem engagierten Investor erwarten kann.

Sie meinen, Sie haben König Fußball den Vorzug gegeben oder hatten wie ich anderes zu tun? Nun, dann muss ich wohl noch ein wenig suchen, bis ich auf einen jener hyperaktiven Händler treffe, die kurz nachdem das Sitzungsprotokoll veröffentlicht wurde, erst nervös in die eine und dann in die andere Richtung gestürmt sind.

Ich weiß zwar nicht wer diese hektischen Trader waren, aber es muss sie gegeben haben. Die Charts lassen kaum eine andere Deutung zu. Wir kennen das Spiel ja zur Genüge. Erst passiert stundenlang gar nichts, dann scheint plötzlich die Hütte zu brennen und alle Welt rennt wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen umher. Und das, obwohl eigentlich alles beim Alten bleibt.

Ja genau, die US-Zinssätze haben sich nicht verändert und auch die beiden entscheidenden Worte, „considerable time“, wurden nicht aus dem Kommuniqué gestrichen. Es gilt also auch morgen noch, was schon gestern und in der Vorwoche galt: Die US-Zinsen werden noch für eine erhebliche Zeit auf den bisherigen, niedrigen Niveaus verharren.

Wozu dann die ganze Aufregung im Vorfeld? Ja, das frage ich mich auch. Mit dem gesunden Menschenverstand hat das nur noch wenig zu tun, viel eher geht es wohl um Beschäftigungstherapie für entscheidungsschwache Anleger.

Denen könnte am Mittwochabend endlich auf die Sprünge geholfen worden sein, denn zumindest der Dow Jones zog im Späthandel zunächst weiter an. Genau, Sie sagen es, der Segen des billigen Geldes wurde mit steigenden Kursen gefeiert. Das Ganze hatte zwar keinen Bestand, weil die letzte halbe Stunde in New York wieder von Verlusten geprägt war, aber zunächst überwog beim Dow die Partystimmung.

Dafür fielen der Euro und der Goldpreis deutlich zurück. Macht zwar nicht unbedingt Sinn, wenn die US-Notenbank die eigene Währung durch niedrige Zinsen weiterhin künstlich schwach hält, aber für Logik hat sich die Börse noch nie groß interessiert.

Jetzt sagen Sie bitte nicht, die Schwächung hört doch auf. Nein, zunächst einmal geht sie noch weiter, zwar mit geringerem Tempo, aber auch eine abgeschwächte Schwächung ist immer noch eine Schwächung, auch wenn sie uns heute als Stärke verkauft wird.

Doch kümmern wir uns nicht um derartige Feinheiten. Das lenkt nur vom eigentlichen Ziel ab. Wichtig ist, dass man einen Grund hat zu feiern bzw. einen Prügelknaben, auf den man ganz ordentlich eindreschen kann. Wenn das charttechnische Porzellan erst einmal zerschlagen ist, kümmert sich ohnehin keiner mehr darum, dass die weiterhin niedrigen Zinsen in den USA eher für den Euro und für einen steigenden Goldpreis sprechen müssten.

Also warum nicht die Gunst der Stunde nutzen und schnell vollendete Tatsachen schaffen, bevor einer auf die Idee kommt, das eigenständige Denken bei Tradern und Investoren wieder neu einzuführen. Sie wissen ja, wer am lautesten schreit, hat meistens auch die Deutungshoheit.

Aber Schwamm drüber, wichtig ist, dass wir auch weiterhin einen Grund für wilde Spekulationen haben, denn in dieser Woche haben immerhin schon zwei FED-Gouverneure gegen den Wortlaut des Notenbankstatements gestimmt.

Die Namen Plosser und Fisher sollten Sie sich merken, wenn Sie sich schon hartnäckig weigern, den genauen Wortlaut des Kommuniqués auswendigzulernen. Der eine meint, die US-Wirtschaft sei inzwischen stark genug, um aus eigener Kraft mit steigenden Zinsen fertig zu werden und der andere mag uns Anleger nicht. Oder haben Sie eine andere Erklärung dafür, warum dieser merkwürdige Herr Fisher keine Notwendigkeit sieht, den Märkten, also uns beiden und einigen wenigen anderen, einen zeitlichen Rahmen vorzugeben?

Also ich bitte Sie. Wo soll denn an einer Formulierung wie „considerable time“ der zeitliche Rahmen sein? Das ist doch in etwa so, als würde man Gummibänder per EU-Verordung ab morgen zu Zollstöcken deklarieren und anschließend jeden Handwerker unter Androhung eines an die EU-Kasse zu zahlenden Strafgeldes zur Aktualisierung seines Werkzeugkastens zwingen.

Aber wie dem auch sei. Heute können wir uns erst einmal vor den Schotten fürchten. Morgen steht dann der große Verfallstag an und in den Tagen und Wochen danach ist viel Zeit, sinnlos darüber zu spekulieren, ob Janet Yellen innerhalb der FED nun eine ernst zu nehmende Opposition heranwächst.

Mit anderen Worten: Eigentlich hätten wird das perfekte Szenario für eine niemals endende Seitwärtsbewegung. Aber für solch weitreichende Gedanken haben Sie ja leider keinen Sinn, weil Sie sich gestern Abend mal wieder nur mit Fußball oder anderen unwichtigen Dingen beschäftigt haben.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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