Arbeiten oder nicht arbeiten, das ist heute die (Trader)Frage

Bernd Heim
By Bernd Heim / 19. September 2014

Eine optimistische Stimmung gewürzt mit einer Prise Hoffnung ließ den DAX am Donnerstag wieder bis an den oberen Rand der altbekannten Seitwärtszone steigen. Das Statement der amerikanischen Notenbank vom Vortag hatten die Börsianer freundlich aufgenommen und nun hofften sie darauf, dass die Schotten sich gegen die Unabhängigkeit von Großbritannien entscheiden würden.

Damit ergibt sich am frühen Freitagmorgen eine interessante Ausgangslage: Der DAX, für den die Mehrheit der Anleger vor dem letzten Wochenende noch fallende Kurse erwartet hatte, startete am Montag am unteren Rand der Seitwärtszone, verteidigte diese zwei Mal gegen Angriffe der Verkäufer und endete schließlich am oberen Rand.      

Allein dieser Weg und die Art, wie er zurückgelegt wurde, dürfte viele Investoren überrascht haben. Doch hier bestätigte sich nur eine altbekannte Anlegerweisheit: An den Rändern einer Seitwärtszone ist es meist sinnvoller, auf eine Umkehr als auf einen Durchbruch zu setzen.

Wie der Name schon erkennen lässt, geht es in der Seitwärtsphase primär seitwärts und nicht aufwärts oder abwärts. Für die oberen und unteren Ränder bedeutet dies, dass bevor ein kraftvoller Durchbruch nach oben oder unten zu erwarten ist, einige – manchmal recht wilde – Richtungswechsel stattfinden müssen.

Auf das ‚Zick‘ folgt eben nicht der Durchbruch zur Ober- oder Unterseite, sondern das ‚Zack‘ und auf dieses wieder ein erneutes ‚Zick‘. In den letzten beiden Wochen konnten wir dieses nervenaufreibende Spiel zur Genüge beobachten.

Natürlich träumen die Anleger immer von einem lupenreinen Trend. Aber die Börsenpraxis sieht oft anders aus, gerade in jenen Phasen, in denen sich ein Markt oder eine Aktie nur seitwärts bewegt. Rein statistisch betrachtet, ist es in diesen Fällen viel wahrscheinlicher, dass sich die Seitwärtsbewegung fortsetzt, als dass sie endet.

Das gilt für jede Seitwärtsbewegung, nicht nur für die aktuelle. Man muss als Anleger aber auch berücksichtigen, dass je länger die Seitwärtsphase bereits andauert, die Chance für ein Ende immer größer wird.

Damit sind die zwei Pole benannt, innerhalb derer wir uns als Anleger bewegen: Auf der einen Seite steht unsere sprichwörtliche Nervosität und Ungeduld und auf der anderen Seite das Wissen, dass auch die längste Seitwärtsbewegung irgendwann einmal ihr Ende finden wird.

Wir wissen vorher nur nicht wann. Hin und wieder glauben wir es zu wissen. Doch zu ‚wissen‘ oder nur ‚glauben zu wissen‘ sind zwei verschiedene Paar Stiefel. Oberflächlich betrachtet ähneln sie sich sehr und doch geht man mit ihnen ganz anders durchs Leben.

Wenn die Kräfte der Käufer und Verkäufer nahezu gleich stark sind, wird es besonders schwierig eine Annahme darüber zu treffen, wie lange die Seitwärtsbewegung noch dauert und in welche Richtung sie schlussendlich aufgelöst wird.

Weil sich Bullen und Bären nahezu egalisieren, kann aus eigener Kraft keine der beiden Seite den Sieg davontragen und es ist oftmals ein äußeres Ereignis, das den Ausschlag in die eine oder andere Richtung gibt.

Gefühlt dauert die aktuelle Seitwärtsbewegung schon eine halbe Ewigkeit, und dass weder die Käufer noch die Verkäufer nennenswerte Vorteile für sich verbuchen können, ist in den letzten beiden Wochen unzweifelhaft deutlich geworden.

Wäre es anders, hätten wir vielleicht den einen oder anderen Fehlausbruch gesehen. Doch weder die Marke von 9.800 noch die Unterstützung bei 9.600 Punkten wurde ernsthaft überwunden. Man konnte eher den Eindruck gewinnen, dass der Index bereits in ehrfürchtiger Entfernung vor der jeweiligen Marke mit dem Einleiten der Gegenbewegung beginnt.

Wäre heute nur ein normaler Freitag und kein Verfallstag und hätten die Schotten gestern nicht über die Frage ihrer Unabhängigkeit abgestimmt, könnte ich mir gut vorstellen, dass die Seitwärtsbewegung mit einem neuen Abschwung fortgesetzt wird, weil viele Anleger vor dem Wochenende das Risiko scheuen und ihre Positionen sicherheitshalber glattstellen, so wie wir es vor sieben Tagen gesehen haben.

Doch heute ist gleich in zweifacher Hinsicht kein normaler Freitag. Es ist Verfallstag und damit ist gerade in der Zeit kurz vor dem Verfall, also wenn es auf zwölf bzw. ein Uhr zugeht, mit größeren Verwerfungen zu rechnen.

Außerdem müssen die Anleger mit dem Ergebnis der Abstimmung in Schottland leben. Nicht nur der Ausgang des Referendums an sich ist entscheidend, sondern auch die Frage, ob das Wahlergebnis den Marktteilnehmern überwiegend schmecken oder nicht schmecken wird. Je nachdem, wie diese Frage entschieden wird, sind Jubelstürme oder enttäuschte Positionsverkäufe zu erwarten.

Um das Ganze noch ein wenig komplizierter zu machen, müssen wir eigentlich noch einen Stein oben drauflegen und uns fragen, ob den Investoren, wenn sie am Montag an das Referendum denken werden, noch ebenso euphorisch oder betrübt zumute ist wie am heutigen Freitag, an dem das Resultat der Abstimmung veröffentlicht wird.

Für die Kurse heißt das, wir können heute durchaus sehr scharfe Bewegungen sehen. So scharf, dass wenn sie zur Oberseite hin erfolgen, der DAX weit in das knapp über 9.800 Punkten liegende Widerstandsband eindringen kann. Vielleicht gelingt sogar ein vollkommener Befreiungsschlag.

Doch wenn der Jubel vom Freitag am Montag schon keinen Bestand mehr hat, weil es sich die Anleger übers Wochenende anders überlegt haben, droht die Gefahr eines Fehlsignals und die Freude von heute wird zu Beginn der neuen Woche schnell in Missmut und Enttäuschung umschlagen.

Auf der Unterseite sieht es kaum anders aus. Ein „falsches“ Ergebnis des Referendums, egal, was ‚falsch‘ in diesem Moment bedeuten mag, kann schnell zu deutlich nachgebenden Kursen führen, die am Montag schon keinen Bestand mehr haben. Denken Sie nur zwei, drei Wochen zurück an die Kursverluste jener Freitage, an denen Meldungen über russische Panzer in der Ukraine den DAX ins Straucheln brachten.

Mit anderen Worten: Alles erscheint möglich und nichts ist mal wieder sicher. Wer nicht als kurzfristig orientierter Trader die Wellen reiten will, der nimmt sich heute besser eine Auszeit, genießt noch einmal den Altweibersommer und wendet sich erst am Montag wieder dem hektischen Treiben auf dem Parkett zu.

In diesem Sinne: Allen ein schönes Wochenende, jenen, die wie gewohnt erst um 17.30 Uhr Feierabend machen und auch jenen, die schon am Morgen um kurz vor neun nach Hause gehen werden.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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