Auf zu neuen Ufern oder zurück in die altbekannte Seitwärtsrange?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 22. September 2014

Mit Schwung trieben die Anleger am Freitagmorgen den DAX über 9.800 Punkte hinaus. Damit wurde die obere Begrenzung der Seitwärtsrange zwischen 9.600 und 9.800 Punkten klar überwunden. Bis auf 9.880 Punkte kletterte der Index und hielt sich auch mehrere Stunden sauber über der 9.800er Marke. Das ist zu viel und zu lang, um den Ausbruch nur als kurzzeitiges Überspritzen abzutun.

Ist damit der Ausbruch geglückt und der Weg zur runden 10.000er Marke und darüber hinaus frei? Hätte der Index auf oder nahe an seinem Tageshoch geschlossen, könnte die Frage durchaus mit einem überzeugten ‚Ja‘ beantwortet werden.      

Doch es gab noch einen Nachmittag und der lässt sich nicht wegdiskutieren. Er trübt das Bild und stellt uns wieder einmal vor ein kleines Rätsel: War der Rückfall der Kurse auf 9.800 Punkte nur der obligatorische Rücklauf auf das Ausbruchsniveau? Oder steckt vielleicht mehr dahinter?

War es nur der klassische Test des überwundenen Ausgangsniveaus, so müssten die Kurse rasch wieder steigen. In diesem Fall sollten wir bereits am Montag, spätestens am Dienstag, wieder einen klaren Anstieg sehen und die 9.800er Marke sollte gleichzeitig nicht ernsthaft verletzt werden.

Es liegt auf der Hand, dass die Bullen diese Interpretation bevorzugen werden. Aber es gibt auch noch ein paar Bären im Land und die haben Argumente auf ihrer Seite, die man nicht leichtfertig ignorieren und auf die leichte Schulter nehmen sollte.

Was am Ausbruch über 9.800 stört, ist dass er ausgerechnet am Verfallstag selbst erfolgt ist. Verfallstage sind nun einmal eine Sondersituation. Der Wunsch der Marktteilnehmer, auf einem bestimmten Niveau abzurechnen, beherrscht die Kurse an jenen Tagen.

Das war auch am letzten Freitag so, wie der Chart eindrucksvoll belegt. Der DAX sollte offenbar möglichst hoch abgerechnet werden. Als das Ziel erreicht war, ließen die Kaufanstrengungen spürbar nach und der Index fiel den gesamten Nachmittag über kontinuierlich zurück.

Die Bullen haben den DAX nun schon seit Wochen immer höher getrieben und es stellt sich zwangsläufig die Frage, wie es um ihre Kraft noch bestellt ist. Ist diese ungebrochen, dürften wir auch in der neuen Woche weiter steigende Kurse sehen. Sind die Käufer hingegen erschöpft, ist mit weiter fallenden Kursen und damit mit einem Rückfall in die vermeintlich überwundene Seitwärtsrange zu rechnen.

Dass die Bären diese Interpretation bevorzugen werden und für die laufende Woche mit tieferen DAX-Kursen rechnen, liegt auf der Hand. Sie werden geneigt sein, den Ausbruch vom letzten Freitag zwar nicht als kurzzeitiges überspritzen, wohl aber als klassisches Fehlsignal zu interpretieren.

Entgegen kommt ihnen dabei, dass der September für seine Kursdellen bekannt und gefürchtet ist. Sie standen in der Vergangenheit bevorzugt Ende September auf dem Programm. Nun ist daraus zwar keine Gesetzmäßigkeit abzuleiten, denn es kann auch ganz anders kommen. Doch eine gewisse Vorsicht ist nicht fehl am Platz.

Vorsicht ist für Bullen und Bären gleichermaßen das Gebot der Stunde, denn die Situation dürfte gerade zu Beginn der neuen Woche etwas undurchsichtig erscheinen. Für beide Lager bietet es sich deshalb an, mit vergleichsweise engen Stopps zu arbeiten.

So kann man – je nach persönlicher Einschätzung – entweder auf weiter steigende Kurse oder einen Rückfall in die alte Seitwärtsrange setzen und begrenzt gleichzeitig sein Risiko, falls der DAX doch die Gegenrichtung wählen sollte.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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