Hurra, wir sind wieder unten!

Bernd Heim
By Bernd Heim / 24. September 2014

Ist es nicht schön, wieder in bekanntem Terrain zu sein? Ist es nicht beruhigend zu wissen, dass man die Gegend gut kennt und Grund zur Annahme hat, dass man sich nicht verlaufen wird? Das ist fast wie Urlaub zu Hause. Nicht wahr?

Einige Tage lang stürmten wir durch enge, staubige DAX-Treppenhäuser hinauf nach oben, besuchten sogar kurz die Bauarbeiter auf der Aussichtsplattform in der stillen Hoffnung, dass diese die Ausbauarbeiten am nächsten Stockwerk mit dem verlockenden Namen ‚Jenseits der 10.000‘ bald wieder aufnehmen werden, und verabschiedeten uns dann kurzerhand mit dem Aufzug unverzüglich in die Tiefe.      

Angeblich, weil irgend so ein dusseliger Einkaufsmanagerindex um läppische 0,2 Punkte unter der erwarteten Marke ins Ziel gekommen sein soll. Aber sei’s drum. Jetzt sind wir wieder dort, wo wir schon Anfang letzter Wochen standen: unten bei 9.600 Punkten. Schauen Sie sich kurz um. Ich nehme an, die Gegend wird Ihnen vertraut vorkommen.

Den direkten Sprung aus dem Fenster haben wir uns zwar erspart, aber jetzt stehen wir doch wieder hier unten, schütteln leicht verwirrt den Kopf, legen ihn dann in den Nacken und wundern uns, wie schnell alles doch gehen kann.

Einige vorwitzige Zeitgenossen schauten gestern schon wieder mit glasigen Augen und verklärtem Blick auf all die steilen Treppen, die nach oben führen und dachten wehmütig an die vielen Stockwerke, die uns von der Turmspitze inzwischen schon wieder trennen.

Aber diese Herrschaften müssen sich möglicherweise noch etwas gedulden, denn zum direkten Wiederanstieg fehlen uns kurzfristig Kraft und Kondition. Das wurde gestern Nachmittag schnell deutlich, als wir gerade mal ein halbes Stockwerk erklimmen konnten, ehe der Herzschrittmacher nicht mehr funktionierte und die Bären wieder das Kommando übernahmen. Aber deswegen gleich ins Tiefgeschoss weiterreisen? Also ich weiß nicht.

Nach dem Gesetz der Seitwärtsserie müsste die Herde nun eigentlich wieder wenden und die Gegenrichtung einschlagen. Wenn nicht aus eigener Kraft, dann vielleicht mit transatlantischer Unterstützung ab dem frühen Nachmittag, ja genau, wenn die Amerikaner endlich aufgewacht sind.

Zuvor könnten wir uns die Zeit vertreiben, indem wir ein wenig die Belastbarkeit des Bodens testen. Auf dem sind wir zwar schon einige Male munter auf- und niedergesprungen, aber man weiß ja nie, ob nicht doch feine Risse zurückgeblieben sind. Die könnten schnell größer werden und dann möchte ich ehrlich gesagt nicht auf der dünnen Decke stehen und mit meinen Long-Positionen herumhantieren.

Aber wo wir gerade bei Belastung sind: Ich weiß nicht, ob Sie es bemerkt haben, aber im Stockwerk unter uns ist inzwischen hoher Besuch angekommen: Die 200-Tage-Linie drängt immer weiter nach oben. Das wäre normalerweise nicht der Rede wert, hätten nicht Bullen und Bären gleichermaßen die Angewohnheit, ihr andauernd diplomatische Höflichkeitsbesuche abzustatten.

Meistens folgt das Protokoll einer strengen Regel, Sie wissen schon: Vorsichtig annähern, einmal höflich ‚Guten Tag‘ sagen und dann wieder abdrehen. Alles halb so wild, hätte es nicht im August diesen schrecklichen Fauxpas gegeben.

Sie erinnern sich noch? Die Bären sind damals direkt auf die Linie zugerannt, haben, ohne wirklich mit der Hand zu zucken oder diese gar zum Gruß vorzustrecken, kurz innegehalten und sind dann einfach weitergestürmt.

Also das geht doch nun wirklich nicht. Ich meine, das kann man als guter Börsendiplomat nicht machen, die Linie einfach so stehen zu lassen und sie ignorieren, als wenn sie Luft wäre. Etwas mehr Höflichkeit und Anstand hätte man von den Bären nun wirklich erwarten können.

Dafür haben sie sich in der letzten Zeit angenehm zurückgehalten, das muss man auch anerkennen. Aber im Grunde weiß man bei diesen Brüdern nie. Sie sind einfach unberechenbar. Deshalb sollten Sie mit allem rechnen und mit Ihren Stopps so gut aufgestellt sein, dass Sie von den heutigen Bewegungen vor keine größeren Probleme gestellt werden und mit allen Varianten gleichermaßen gut leben können, egal, ob das Programm am Ende mit ‚Kehrtwende‘ oder ‚Durchbruch‘ überschrieben wird.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment:


Latest posts