Blick zurück mit Höhenangst

Bernd Heim
By Bernd Heim / 25. September 2014

Heute möchte ich Sie einladen, einen Schritt zurückzutreten und mit mir ein wenig der Frage nachzugehen, warum der DAX nun schon seit über einem halben Jahr nicht wirklich von der Stelle kommt und überwiegend seitwärts läuft. War die Wirtschaft schuld? Lag es an den äußeren Zeitumständen?

Auch wenn mehr als ein Viertel des Jahres noch immer vor uns liegt, lässt sich jetzt schon sagen, dass das Jahr 2014 alles andere als krisenarm war: der politische Umsturz in der Ukraine, die Annektion der Krim durch Russland, die zahlreichen Kriege und Bürgerkriege in der Ostukraine, im Irak, in Syrien, in Libyen dazu noch die Ebola-Gefahr in Westafrika. All das sind gewiss keine guten Grundlagen, um Börsen sorglos ansteigen zu lassen.      

Auf der anderen Seite muss man sagen, dass die hinter uns liegenden Jahre auch nicht nur das reinste Zuckerschlecken waren, denken Sie nur einmal an die Finanzkrise und die europäische Schuldenproblematik. Und trotzdem sind die Börsen seit März 2009 im Grunde nur gestiegen.

Der Verweis auf die Krisen allein kann also nicht der entscheidende Grund sein, warum 2014 plötzlich Sand im Getriebe ist, obwohl es in den Jahren 2011, 2012 und 2013 noch vergleichsweise wie geschmiert lief. Es muss andere, börseninterne Gründe geben, die für das aktuelle Stottern verantwortlich sind.

‚Börseninterne Gründe‘ das ist eine nette Umschreibung für blanke Psychologie. Mit der haben wir es an der Börse jenseits von Wirtschaftsdaten und politischen Einflüssen nämlich hauptsächlich zu tun. Es geht um das beständige Spiel von Angst und Gier oder um es mit Altmeister André Kostolany auszudrücken, um die Frage, ob es mehr Dumme als Papier oder mehr Papier als Dumme gibt.

Im Moment scheint es weniger die Gier als vielmehr die Angst, konkret die Höhenangst, zu sein, die den Börsianern zu schaffen macht. Also die bange Frage: Ist der DAX wirklich die vielen Punkte wert, die derzeit auf der Anzeigetafel erscheinen?

Je nach Alter, persönlicher Präferenz und Länge der Börsenzugehörigkeit wird sie momentan anders beantwortet. Wir sind somit nicht nur Beobachter des beständigen Ringens zwischen Bullen und Bären, sondern ebenso unfreiwilliger Zeuge eines „Generationenkonflikts“.

Um diesen Konflikt zu verstehen, muss man ein wenig ausholen und in das Jahr 2000 zurückgehen. Damals stieg der DAX erstmals über 8.000 Punkte und fiel anschließend schnell zurück. Es folgte eine lange Baisse und anschließend war jedem klar, dass ein Stand von über 8.000 Punkten im DAX eine maßlose Übertreibung war.

Im Jahr 2007 wiederholte sich das Spielchen. Zwar stieg der DAX sogar noch ein wenig höher als sieben Jahre zuvor. Doch wieder folgte eine Krise, wieder fielen die Kurse anschließend scharf zurück. Die Behauptung, dass der DAX über 8.000 Punkten überbewertet ist, wurde eindrucksvoll bestätigt und brannte sich wie eine unüberwindbare, ewige „Glaubenswahrheit“ in die Köpfe ein.

Propagandisten wissen, dass eine Lüge, wird sie nur oft genug wiederholt, von den Menschen irgendwann einmal für die Wahrheit gehalten wird. Sie hat sich dann quasi verselbständigt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass die ‚8.000-Punkte-Überbewertungswahrheit‘ des DAX mehr als zehn Jahre Zeit hatte, sich in unseren Köpfen festzusetzen.

Da sitzt sie nun auch und wir werden sie so schnell nicht wieder los. Zwar ist der Index in der Zwischenzeit deutlich über die 8.000 Punkte hinweg angestiegen, doch ein mulmiges Gefühl bleibt und wenn wir gar an die 10.000 Punkte denken, dann wird vielen Anlegern regelrecht schwindelig.

Jüngere Zeitgenossen und auch jene, die sich erst in den letzten Jahren der Börse zugewandt haben, sind von diesen Vorurteilen frei. Sie verstehen deshalb an manchen Punkten die Welt nicht mehr, reiben sich angesichts dieses ewigen Hin und Hers nur verwundert die Augen und denken sich ihren Teil. Wer will es ihnen verdenken?

Weil es so schön ist, plagen nicht nur wir deutschen Anleger uns derzeit mit diesem Problem herum. Auch in den USA stehen viele Indizes an wichtigen psychologischen Hürden.

Der Dow Jones kämpft mit der 17.000 Punkte Marke, der NASDAQ100 hat vor Kurzem die 4.000 Punkte Schwelle überschritten und kommt nicht mehr richtig vorwärts und der breite S&P 500 Index, in dem die 500 größten US-Unternehmen versammelt sind, ringt um die Frage, ob Kurse jenseits der 2.000 Punkte Marke angemessen sind.

Versucht man die Bedeutung der einzelnen Kämpfe gegeneinander abzuwägen, wird schnell deutlich, dass die Auseinandersetzung im S&P 500 die mit Abstand wichtigste ist. Die 17.000 Punkte im Dow sind zwar rund, aber bei Weitem nicht so rund wie die 2.000 Punkte im viel breiter gefassten S&P 500 und der NASDAQ100 ist ein technologielastiger Index. Er spiegelt anders als der S&P 500 nur einen kleinen Ausschnitt der amerikanischen Wirtschaft wider. Deshalb wiegt das Ringen des S&P 500 mit der 2.000 Punkte Marke stärker als das aller anderen Indizes.

Der S&P 500 hat aber nicht nur die Eigenschaft auf andere amerikanische Indizes auszustrahlen, sondern er legt weltweit die Anleger an die Kette. Unser heimischer DAX wird kaum leichtfüßig auf über 10.000 Punkte ansteigen können, während der S&P 500 an der 2.000 Punkte Marke scheitert und er wird auch nicht dauerhaft unter 10.000 Punkten verharren können, wenn in New York der große Befreiungsschlag gelingt und der S&P 500 seine psychologische Widerstandsmarke erfolgreich überwindet.

Auch wenn die 10.000 Punkte Marke im Jahresverlauf nur selten berührt und kaum nennenswert überschritten wurde, so ist das zähe Ringen, dessen Zeuge wir seit Jahresanfang sind, nichts anderes als der verzweifelte Versuch, alte Vorurteile zu überwinden. Wie schwer das ist, weiß jeder aus persönlicher Erfahrung. Von daher sollte mit einer schnellen „Heilung“ nicht unbedingt gerechnet werden.

Am Montag hatte ich Ihnen berichtet, dass meine Prognosefähigkeit deutlich eingeschränkt ist, weil meine hauseigene Glaskugel blind geworden ist. Dem Problem wollte ich am Tag danach mit deutscher Gründlichkeit zu Leibe rücken.

Aus diesem Grund habe ich die Kugel in die Waschmaschine gelegt und dort einige Male ordentlich rotieren lassen. Das Ergebnis hätte sich eigentlich sehen lassen können, wäre die Kugel nicht beim anschließenden Schleudern an der harten Wand des Lebens zerschellt.

Nun stehe ich ohne Kugel da und Sie wissen wenigstens wie die heutige Folge unser beliebten Unterhaltungsserie ‚Der Mann ist die bessere Hausfrau‘ zu Ende gegangen ist. Aber, ich will nicht klagen. Wir haben ja immer noch die Charts.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment:


Latest posts