Seitwärts bis in alle Ewigkeit?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 26. September 2014

Wenn ich Ihnen heute sage, der DAX hat einen neuen Trend ausgebildet, werden Sie sich vermutlich verwundert die Augen reiben und sich fragen: ‚Hat er zu viel geraucht oder habe ich etwas Entscheidendes verpasst?‘

Die Antwort ist: ‚Weder das Eine noch das Andere‘. Weder haben Sie etwas verpasst, noch ich zu viel geraucht oder zu tief ins Glas geguckt und doch lässt sich behaupten, dass der DAX einen Trend ausgebildet hat.      

Zwar keinen klaren, eindeutigen Aufwärts- oder Abwärtstrend, aber einen lupenreinen Seitwärtstrend, den sehen wir schon. Im Großen hält er den DAX seit Januar in einer tausend Punkte Spanne gefangen, im Kleinen sind es nur wenige Wochen, die wir in der engen Range zwischen 9.600 und 9.800 Punkte pendeln.

Es gibt hin und wieder zur Abwechselung mal einen Ausflug jenseits der Grenzen, doch im Grunde erwies sich der Seitwärtstrend bislang als sehr stabil. Der Trend hat klare Ränder und die werden nur selten über- oder unterschritten.

Man könnte jetzt kritisch anmerken, dass der Ausbruch Richtung 9.880 am Verfallstag, der Höflichkeitsbesuch bei der 200 Tage-Linie in dieser Woche und der gestrige Schwächeanfall die aktuelle Seitwärtsbewegung etwas haben ausfransen lassen. Diese Gefahr besteht in der Tat und wir sollten in den kommenden Tagen einmal etwas genauer darauf achten, wie der Index mit den bisherigen Rändern umgeht, besonders mit der unteren.

Hält er sie wieder strikt ein, können wir die Ausflüge als Fehlsignale werten und rasch wieder zur Tagesordnung übergehen, was so viel heißen will, dass die Richtung bei 9.800 Punkten eher short und bei 9.600 Punkten eher long ist. Immer mit engem Stopp versteht sich, denn auch die längste Seitwärtsbewegung wird eines nahen oder fernen Tages einmal enden.

Problematischer wird das Agieren, wenn die Ränder zunehmend unschärfer werden. Dann wird es schwieriger den passenden Ein- und Ausstieg zu finden und auch die Wahl des richtigen Stopps wird ein anspruchsvolleres Unterfangen.

Bekanntlich kommen Crashs und neue dynamische Aufwärtsbewegungen mit Vorliebe dann, wenn keiner auf sie vorbereitet ist. Momentan macht die Anlegerschar einen in sich gespaltenen Eindruck. Die einen rechnen mit dem Schlimmsten und bereiten sich auf einen angeblich unvermeidlichen Crash vor und die anderen reiben sich vergnügt die Hände, weil der Ausbruch in fünfstelliges Terrain unmittelbar bevorsteht.

Will die Börse beide Anlegergruppen gleichermaßen ärgern und nach Kräften an der Nase herumführen, geht es einfach noch ein ganzes Weilchen weiter seitwärts. Das hat für beide Lager unschätzbare Vorteile: Stellen Sie sich doch nur einmal vor, das Theater, das wir die letzten Wochen erlebt haben, findet noch bis Weihnachten seine Fortsetzung.

Die Bullen können dann bei 9.600 Punkten fünf Mal freudig den Beginn der von „allen“ erwarteten und eigentlich längst überfälligen Jahresendrallye ausrufen und die Bären nicht minder von den eigenen Argumenten überzeugt, dürfen genauso oft vor dem lange erwarteten Crash warnen.

Bei 9.700 Punkte treffen sich dann beide Seiten und rufen abwechselnd im Brustton tiefster Überzeugung „Wir haben es euch ja gesagt!“

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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