Folgen auf den Altweibersommer nun die Herbststürme?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 29. September 2014

Er ist einer der schwächsten Monate des Jahres und für seine unangenehmen Kurskorrekturen gefürchtet. Doch bislang zeigte sich der September eher von seiner angenehmen Seite. Das Wetter war noch warm und sonnig und auch an der Börse liefen die Kurse überwiegend aufwärts.

Einen kurzen Moment lang sah es sogar danach aus, als könne der DAX die obere Begrenzung der Seitwärtsbewegung bei 9.800 Punkten erfolgreich überwinden. Das war interessanterweise just der Moment, in dem zumindest kalendarisch der Herbst begann.      

Dieser zeigte sich in Frankfurt auf dem Börsenparkett sogleich von seiner ruppigen Seite. Eine Woche lang ging es mit den Kursen zügig bergab und kurz vor dem Ende des Monats stellen sich viele Anleger die bange Frage, ob die vergangenen Tage nur der Auftakt zu einem größeren Herbststurm gewesen sind.

Da die untere Grenze der engen Seitwärtsbewegung der ersten Septemberwochen zwischen 9.800 und 9.600 Punkten inzwischen deutlich unterschritten wurde, muss durchaus mit weiteren Kursverlusten gerechnet werden.

Ausgehend vom Verfallstag hat sich ein kurzfristiger Abwärtstrend entwickelt, der noch nicht abgeschlossen zu sein scheint. Tiefere Kurse in der ersten Wochenhälfte müssen damit einkalkuliert werden, zumal klare Anzeichen für eine erfolgreiche Bodenbildung derzeit noch fehlen.

Die kurze Zwischenerholung vom Mittwoch und Donnerstag der Vorwoche war nur dreiteiliger Natur und wurde schnell wieder abverkauft. Aus ihr lässt sich für die Bullen wenig Hoffnung ableiten und kaum Kapital schlagen. Vielmehr deutet sie darauf hin, dass die Bären das Zepter noch einige Tage länger in der Hand halten werden und den DAX durchaus noch einige Etagen tiefer treiben können.

Interessant ist, was die Stimmung so kurzfristig verhagelt hat. Es war eine Reihe von Wirtschaftsdaten aus den USA, die für sich genommen zwar gar nicht so schlecht ausgefallen waren, aber die hohen Erwartungen der Anleger dennoch nicht treffen konnten. So machte sich schnell Enttäuschung breit und die Neigung, im Zweifel lieber doch auf den Verkaufsknopf zu drücken, war weit verbreitet.

Die Masse der Anleger präsentiert sich damit wie eine Schar verwöhnter Kinder, die laut schreien und quietschen, weil sie nicht bekommen haben, was sie sich sehnlich erhofft haben. Derartige Launen sind an der Börse nicht ungewöhnlich. Sie treten immer dann auf, wenn die Anleger krampfhaft nach einem Grund suchen, um sich von ihren Positionen zu trennen.

Aus Erfahrung wissen wir: Sie werden diesen Grund im Zweifel immer finden. Deshalb macht es wenig Sinn, sich mit den genannten „Begründungen“ eingehender zu beschäftigen. Viel entscheidender als der Grund an sich, ist die Neigung zum Verkauf.

Sie sollte man keineswegs unterschätzen. Aber ihr eine bleibende Stabilität zu unterstellen, ist auch nicht ratsam, denn die Psyche der Anleger hat oft nicht einmal die Stärke eines Blattes im Herbstwind.

So schnell wie gestern verkauft wurde, wird auch morgen wieder gekauft. Die zur Legitimation des eigenen Handelns notwendige Begründung wird sich schon finden. Sie wissen: Man muss die eigenen Erwartungen an die nächsten Wirtschaftszahlen, die zur Veröffentlichung anstehen, nur tief genug ansetzen, dann hat man früher oder später garantiert Grund genug, darüber zu jubeln, dass alles doch nicht ganz so schlimm ist wie befürchtet. Mit anderen Worten: Auch Schwarzsehen ist eine Wissenschaft, die beherrscht werden will.

Damit ergibt sich zum Beginn der Woche ein ambivalentes Bild: Kurzfristig ist die Stimmung schlecht und wird es wohl auch noch ein paar Tage bleiben. Fundamental sind die bislang veröffentlichten Zahlen jedoch nicht so schlecht, dass sie zwangsläufig als Vorboten einer kommende Krise mit vorauslaufendem Börsencrash aufgefasst werden müssen.

Will heißen: Fundamental ist das Abwärtsrisiko begrenzt. Psychologisch ist es natürlich wie immer tendenziell unbegrenzt. Wenn die Anleger aus Lust an der Panik tatsächlich Panik schieben wollen, dann wird es auch zu einer solchen kommen.

Die saisonalen Abwärtsrisiken bestehen im Oktober fort und Platz nach unten ist durchaus vorhanden. Eine spannende Frage wird sein, an welcher Linie die Kraft der Bären erschöpft und der Widerstand der Bullen nachhaltiger wird. Der Bereich zwischen 9.300 und 9.400 Punkte und die Zone um 9.000 Punkte bieten sich hierzu an und die ersten Handelstage der neuen Woche könnten ein erstes Indiz dafür sein, wie tief die Bären den DAX zu treiben in der Lage sind.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment:


Latest posts