Kein Halten auf der schiefen Bahn

Bernd Heim
By Bernd Heim / 30. September 2014

Und wieder fehlt ein Stück der Wurst. Die neue Woche begann, wie die alte endete, mit unangenehmen Verlusten, nicht rekordverdächtig, aber durchaus ernst zu nehmen. Allein schon das zeigt, wie schwer sich die Bullen momentan damit tun, den Markt auch nur zu stabilisieren, geschweige denn in die Gegenrichtung zu treiben.

In der vergangenen Woche ging es an fünf Handelstagen um drei Prozent abwärts. Gestern waren es „nur“ 0,71 Prozent, aber wenn man bedenkt, dass diese Woche durch den Feiertag am Freitag nur vier Handelstage hat, dann kommt man fast auf das gleiche Ergebnis wie in der Vorwoche, sollte sich der Abwärtstrend in den kommenden Tagen mit gleicher Stärke fortsetzen.      

Ich weiß, man soll den Tag nicht vor dem Abend und die Handelswoche nicht vor der Schlussglocke am Freitag loben, aber wenn das so weitergeht …

Keine Sorge, ich will jetzt weder in grenzenlosen Pessimismus noch in einen trotzigen Optimismus verfallen, aber der ‚wenn das so weitergeht-Gedanke‘ ist es schon wert, einen Augenblick innezuhalten und kurz über ihn nachzudenken.

Dabei meine ich jetzt nicht die kurstechnischen Aspekte dieser Aussage. Diese sind ebenso leicht wie schnell abgehandelt: Wenn es so weitergeht, stehen wir morgen wieder 70 Punkte tiefer und in ein paar Tagen an der 9.000er Marke. Das ist für die Bären erfreulich und für die Bullen ärgerlich, aber jetzt nicht der Punkt, auf den ich hinaus möchte.

Spontan erinnert mich der ‚wenn das so weitergeht-Gedanke‘ an lange Tunnel in den Alpen oder verregnete Wochen im Herbst. Irgendwann fragt sich auch der geduldigste Zeitgenosse, ob man überhaupt noch einmal hinauskommt bzw. die Sonne jemals wiedersehen wird. Man gewöhnt sich nach einiger Zeit so sehr an den Istzustand, dass ein Wechsel oder eine Veränderung kaum noch möglich erscheint.

An den Börsen ergeht es uns Anlegern genauso. Bei aufwärtsgerichteten Bewegungen ist das meist kein allzu großes Problem, wenn und weil alle mehr oder weniger euphorisch sind. Schwieriger wird es, wenn die Börsen den Rückwärtsgang eingelegt haben und Gewinne dahinschmelzen oder sich sogar in einen Verlust wandeln. Dann ist guter Rat teuer und Hoffnung Mangelware.

Gestern habe ich in einem Kommentar zum Marktgeschehen gelesen, dass die Anleger über das Ausmaß der massiven Proteste in Hongkong überrascht seien und realisieren, dass die globalen politischen Unsicherheiten wieder zunehmen.

Ich muss Ihnen gestehen, ich war wirklich beruhigt zu erfahren, dass es die Börsen doch noch interessiert, wenn in China ein Sack Reis umfällt. Dass der Hongkonger Reissack mit den Geschäften der deutschen Wirtschaft viel zu tun haben soll, glaube ich persönlich zwar nicht, aber sei’s drum eine Begründung ist immer noch eine Begründung und mit ihr hat man wenigstens ein Stöckchen in der Hand, an dem man sich dann anschließend festhalten kann.

Ist wie der Strohhalm im Wasser, der hilft beim Schwimmen auch ungemein, vor allem, wenn man die Richtung gegen den Strom genommen hat. Man hat etwas, an dem man sich festhalten kann und wenn man wider Erwarten doch untergehen sollte, kann man beim Betrachten der Wasseroberfläche von unten, wenigstens einen Schuldigen für sein eigenes Unglück benennen. Diesen unbestreitbaren Vorteil hat nicht jeder Ertrinkende.

Womit wir wieder bei einem meiner Lieblingsthemen wären: Börse ist nicht das, was man im Chart sieht oder der Kurs, der auf der Anzeigetafel aufleuchtet, sondern das, was ich als Anleger fröhlich in ihn hineininterpretiere. Dass die daraus abgeleiteten Handlungsmaximen zwangsläufig zum Erfolg führen müssen, steht außer Zweifel oder will das hier jemand ernsthaft bestreiten?

Am Wochenende war die allgemeine Stimmungslage der Investoren noch relativ ausgeglichen. Während in der Vorwoche die Bullen klar dominierten und anschließend vom Markt direkt einen kräftigen Schlag auf die Hörner bekamen, standen sich am Beginn dieser Handelswoche ein etwa gleichgroßes Bullen- und Bärenlager gegenüber.

Man braucht kein großer Prophet sein, um die Aussage zu wagen, dass das Bärenlager mit jedem weiteren Verlusttag anwachsen wird. Sind „alle“ erst einmal bärisch und haben verkauft, liegt das Überraschungspotential anschließend wieder auf der Seite der Bullen, so wie es in der Vorwoche auf der Seite der Bären lag.

Die entscheidende Frage ist nun nicht die, wie viele Reissäcke in China noch umfallen werden oder welche weltpolitischen Schrecken uns noch erwarten, sondern wie nahe wir dem Kulminationspunkt, an dem die Machtverhältnisse zwischen Bullen und Bären mal wieder umschlagen, schon gekommen sind.

Ich lehne mich jetzt mal weit aus dem Fenster und behaupte, wir sind ihm näher als in der Vorwoche. Aber das ist auch schon fast alles, was man aus den Bewegungen der letzten Tage sicher ableiten kann.

Bislang hatten die Käufer einige gute Gelegenheiten, eine Wende zu ihren Gunsten einzuleiten und haben jede ungenutzt verstreichen lassen. Das gibt zumindest zu denken. Eine Bodenbildung, die diesen Namen wirklich verdient, steht somit noch aus.

Wollen die Käufer sie nicht zu tief ausbilden, wäre jetzt die Gelegenheit Nägel mit Köpfen zu machen und den Bereich von 9.300 Punkten ernsthaft zu verteidigen. Dazu sollte der Index nicht mehr deutlich unter 9.360 Punkte absinken. Warten wir ab, ob es ihnen gelingen wird.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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