Wofür streiken die Bullen eigentlich?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 16. Oktober 2014

Welche Forderungen die Lokführer erheben, die am Mittwoch streikten, wissen wir. Auch die Wünsche der Piloten, die am heutigen Donnerstag die Arbeit niederlegen wollen, sind bekannt. Nur aus welchem Grund und mit welchem Ziel die DAX-Bullen seit Tagen streiken und nicht zur Arbeit erschienen sind, erschließt sich mir nicht.

Der Chart der letzten drei Wochen mutet tatsächlich wie ein einziger Käuferstreik an, denn die Kurse kannten im Grunde nur eine Richtung, die stramm abwärts. Bei diesen Kursdiagrammen fällt es schwer zu glauben, dass tatsächlich jedem Verkäufer ein Käufer gegenübergestanden haben soll und doch muss es so gewesen sein.

Wer gekauft hat, dürfte seine Entscheidung inzwischen sicher bereut haben, denn Tag für Tag ging es nur tiefer und nennenswerte Erholungen sahen wir auch nicht. Also schnell die Pferde wechseln und im Galopp in die Short-Richtung reiten?

Der Eindruck scheint sich irgendwie nahezulegen, weil der Abwärtstrend so beständig ist und die Erholungen allesamt so schwach ausgefallen sind. Es besteht dann allerdings die Gefahr, den Abwärtszug zu besteigen, kurz bevor er seinen vorläufigen Endbahnhof erreicht.

Will heißen, das Risiko wieder erst am relativen Ende einer längeren Trendbewegung einzusteigen, ist für jene Investoren, die sich nach tagelangem Warten nun auf die Shortseite schlagen, besonders hoch.

Wer sich als Anleger ihm aussetzt, könnte in eine Gegenbewegung hineinlaufen, die ihn schnell an seine Stopps heranführt. Wird die Position sogar ohne Stopps gehalten, könnte eine nervenaufreibende Durststrecke auf die spät reagierenden Investoren warten.

Auf der Käuferseite warten ähnliche psychische Herausforderungen auf die Anleger. Eine alte Börsenweisheit sagt uns, dass man nie in ein fallendes Messer greifen soll. Aber ist das Messer nicht bereits so tief gefallen, dass es gar nicht mehr weiter fallen kann, werden sich viele Anleger fragen, wenn sie in diesen Tagen auf die Charts schauen.

Ihnen kann mit einem entschiedenen „Vielleicht“ geantwortet werden. Grundsätzlich ist der absolute Boden erst bei 0 Punkten erreicht. Insofern gibt es immer noch viele Kellergeschosse, in die der DAX vordringen könnte.

Auf der anderen Seite findet auch der längste und beständigste Trend früher oder später sein Ende. Wer auf das „Früher“ hofft und sich jetzt schon long im Markt positioniert, wird zittern müssen, sollte die laufende Abwärtsbewegung ungebremst weitergehen.

Wer an einen endlosen Bullen- und Lokführerstreik glaubt und zu lange wartet, könnte am Ende überrascht feststellen, dass der Zug bereits angerollt ist und ohne dass man selbst an Bord ist, aus dem Bahnhof zu fahren droht.

In diesem Zusammenhang bin ich gestern über einen interessanten Marktkommentar gestolpert. Mit Blick auf den hohen Tagesverlust von 253 Punkten und die hohen Umsätze, die gestern getätigt wurden, wurde die Einschätzung geäußert, dass ein „echter Verkaufsdruck“ hinter den Verlusten steht.

Fragen Sie mich jetzt bitte nicht, was ein falscher Verkaufsdruck sein könnte, denn diese Frage kann ich Ihnen wirklich nicht beantworten. Aber machen wir uns doch einfach einmal das Vergnügen, den Satz sozusagen „rückwärts“ zu lesen.

Wenn an der Börse einem Verkäufer immer ein Käufer gegenübersteht, dann muss es am Mittwoch neben einem „echten Verkaufsdruck“ auch einen ebenso „echten“ Kaufdruck gegeben haben. Der hat sich zwar nur im Volumen und (noch) nicht im Kurs niedergeschlagen, aber zu leugnen, er sei nicht vorhanden gewesen, ist der Situation auch nicht angemessen.

Wir scheinen also wieder eine jener Situationen zu durchleben, in denen viele Aktien die Hände wechseln. Fragt sich nur, auf welcher Seite die „starken Hände“ stehen. Ist es die der Käufer, dann könnten wir schon bald in eine Erholungsphase eintreten.

Wo sie beginnt, wie lange sie dauert und wo sie enden könnte, ist zwar noch nicht annähernd klar, doch sollte sich niemand wundern, wenn das Pendel nun zur anderen Seite ausschlägt und die Käufer die Oberhand gewinnen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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