Zurück auf Los?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 20. Oktober 2014

Im großen, weltweiten Monopoly-Spiel wurde uns an den Börsen in der vergangenen Woche eine Achterbahnfahrt der Extraklasse geboten. Wer als Trader auf derart heftige Kurskapriolen steht, dürfte sich gefreut haben. Alle anderen werden sich eher mit Schrecken abgewendet haben.

Als die Woche am Donnerstag auf ihre Zielgerade einschwenkte, markierte der DAX im Vormittagshandel mit 8.355 Punkte sein Tief. Ein Hauch von Panik lag in der Luft. Die Nerven der meisten Anleger langen blank und die Allzeithochs aus den Jahren 2000 und 2007 bei 8.150 Punkten in Reichweite.

Wie so oft kam es anders, als man denkt, und nach einem beeindruckenden Schlussspurt von 500 Punkten verabschiedete sich der DAX mit 8.850 Punkten genau an der Stelle ins Wochenende, an der die Tür ins Bärenland vor einigen Tagen weit aufgestoßen worden war.

Der obligatorische Rücklauf an das Ausbruchsniveau, der eigentlich seit einigen Tagen überfällig war und nie zu kommen schien, ist nun doch geschafft. Damit dürften sich die schlimmsten Befürchtungen zunächst einmal nicht bewahrheiten. Vom Eis ist die Kuh allerdings auch nicht.

Einige „Schönheitsfehler“ kennzeichnen diesen Rücklauf und führen zu einer Reihe von Fragen, die uns vermutlich erst die heute beginnende Handelswoche beantworten wird. Das Ausbruchsniveau wurde vom DAX wieder erreicht, das ist wahr und damit wurde formal die Regel eingehalten. Aber so richtig idealtypisch wirkt dieser Rücklauf auch nicht.

Erst spät bis gar nicht und dann auch noch so kraftvoll. Eine der interessantesten Fragen an diesen Rücklauf ist deshalb die, ob er auch dann so schnell und so dynamisch erfolgt wäre, wenn am Freitag der Vorwoche kein kleiner Verfallstag gewesen wäre.

Sprich war es die reine Not der Emittenten, die zu groß gewordenen eigenen Verluste aus den Optionsgeschäften zu begrenzen, die den DAX getrieben hat, oder war es eine wie auch immer zu bezeichnende „innere Stärke“, die auch dann gegriffen hätte, wenn kein kleiner Verfallstag gewesen wäre?

Die Antwort auf diese nicht unwichtige Frage gibt es vermutlich in der ersten Wochenhälfte. Dass nach einem Anstieg von 500 Punkten nun auch einmal Luftholen angesagt ist, dürfte klar sein. Von daher sollten uns Kursverluste am Montag und/oder Dienstag nicht groß überraschen.

Es ist allerdings damit zu rechnen, dass sie umso größer ausfallen, je stärker der kleine Verfallstag in der Vorwoche auf den DAX eingewirkt hat. Will heißen, wenn den Käufern die innere Überzeugung fehlt und keine Bank den Index mehr stützen muss, um ihre Optionen zu schützen, stehen wir möglicherweise schnell wieder eine, zwei oder sogar drei Etagen tiefer.

Es liegt auf der Hand, dass die Bären versuchen werden, den Anstieg vom Donnerstag und Freitag schnell wieder vergessen zu machen. Die Chancen dazu stehen nicht schlecht, weil ohnehin ‚Luftholen‘ angesagt ist.

Aus Bullensicht kommt es nun darauf an, das Zepter des Handelns weder zeitlich noch preislich zu lange aus den Händen zu geben. Ein einzelner Tag mit moderaten Verlusten, der den Bären gehört, dürfte kein Problem darstellen, doch eine Reihe von schwachen Tagen wird das Bild schnell wieder eintrüben.

Im Hinterkopf muss man dabei immer halten, dass die Käufer bislang nur eine Gegenbewegung erfolgreich abgeschlossen haben. Die Schlacht selbst ist noch nicht entschieden.

Für die spannende Frage, wer am Ende als Sieger aus diesem Ringen hervorgeht, ist die 8.900 Punkte Marke von entscheidender Bedeutung. Sie muss von den Bullen bezwungen werden, und zwar nicht nur ein bisschen, sondern klar und deutlich.

Aus Bärensicht liegen die Dinge naturgemäß etwas anders. Dass die 8.900er Marke nicht dauerhaft überschritten werden darf, versteht sich von selbst. Doch das eigentliche Ziel der Verkäufer liegt deutlich tiefer. Ihr Bestreben muss es sein, den Index schnell wieder Richtung 8.355 Punkte zu treiben.

Steht der DAX Anfang November wieder bei 8.355 Punkten oder sogar tiefer, interessiert sich keiner mehr für den Achtungserfolg der Bullen aus der Vorwoche. In diesem Fall wäre der Bärenmarkt nicht nur deutlich bekräftigt worden, sondern der Rücklauf zur 8.900er Marke selbst, wäre sogar die beste Bestätigung für einen auch weiterhin intakten Bärenmarkt.

Weil nicht anzunehmen ist, dass die Schlacht von beiden Lagern nun halbherziger geführt wird, ist damit zu rechnen, dass die Volatilität auch in den kommenden fünf Handelstagen hoch sein wird.

Es ist also weiterhin viel Musik im Markt und wir Anleger tun gut daran, genau auf ihre Feinheiten zu achten, denn je nach dem ob die Börsensymphonie in ‚Dur‘ oder ‚Moll‘ gespielt wird, sind entweder Short- oder Long-Investments die bessere Wahl.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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