Theoretisch hat der DAX noch alle Chancen, praktisch …

Bernd Heim
By Bernd Heim / 21. Oktober 2014

Als erfahrener Anleger wissen Sie, wie es ist, wenn an der Börse alle auf einer Seite stehen. Das Schiff pflegt erst kräftig zu schaukeln und schließlich zu kippen. Die Masse der Investoren stürzt dabei ins Wasser und wird ordentlich nass.

Liest man die aktuellen Kommentare zum DAX, fällt auf, dass die Mehrheit der Anleger und Kommentatoren offenbar wieder mit tieferen Kursen rechnet. ‚Unterhalb von 8.900 Punkten ist 8.355 wieder das Ziel‘, heißt es knapp.

Die Aussage ist nicht ganz falsch, denn gelingt es dem DAX nicht, dauerhaft über 8.900 Punkte anzusteigen, bleibt im Grunde nur noch der Weg abwärts. Wenn man sich dann auch noch in Erinnerung ruft, welche hartnäckigen Widerstände oberhalb von 8.900 Punkten auf uns warten, kann einem um die Bullen nur Angst und bange werden.

Allerdings, wenn es so scheint, dass es für alle bereits ausgemachte Sache ist, dass der DAX nun nur noch fallen kann, weil er die mächtige Hürde bei 8.900 Punkten nicht bezwingen konnte, dann sollten Sie als erfahrener Anleger angesichts so viel offen zur Schau getragener Einigkeit hellhörig und vorsichtig werden.

Die Masse liegt bekanntlich gerne daneben und die Geschichte mit den tieferen Kursen ist längst noch nicht in Stein gemeißelt. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich möchte jetzt keinen grundlosen Optimismus verbreiten oder gar die auf tiefere Kurse hindeutenden Indizien ignorieren.

Wovor ich Sie warnen möchte ist, sich zu schnell eindeutig auf eine Seite festzulegen. Wir haben gewichtige Gründe, die für tiefere Kurse sprechen. Doch der DAX hat noch immer die Chance, den unschönen Rutsch unter die 8.900er Marke als ‚Fehlausbruch‘ zu verbuchen.

In diesem Fall würde der Index nicht nur den erneuten Sprung über die 9.000 Punkte schaffen, sondern anschließend auch weitersteigen. Selbst die derzeit völlig außer Reichweite scheinenden 10.000 Punkte könnten dann schnell wieder ein Ziel werden.

Ein derartiges Szenario hört sich auf für mich im ersten Moment reichlich ‚weltfremd‘ an, doch wir sollten im Hinterkopf behalten, dass gerade im Vorfeld von besonders ‚runden‘ Marken Fehlausbrüche immer wieder auf der Tagesordnung stehen.

Das heißt zwar nicht, dass es jetzt auch wieder so sein muss und der Rutsch unter 8.900 Punkte nur als „harmloser“ Ausrutscher zu werten ist, doch die Möglichkeit, dass die Börse uns alle mal wieder im Herbst vorzeitig aufs Glatteis führen will, sollten wir nicht ganz außer Acht lassen.

Ebenso ist es mit dem Rücklauf Richtung 8.150 Punkte. Hier liegen die alten Allzeithochs aus den Jahren 2000 und 2007. Auch sie wurden bislang noch nicht wieder von oben getestet. Das könnte der Index jetzt nachholen.

Augenblicklich hat zwar die Abwärtsvariante die größere Wahrscheinlichkeit für sich, aber auch eine hohe Wahrscheinlichkeit ist immer noch eine Wahrscheinlichkeit und keine absolute Gewissheit.

Wir tun deshalb gut daran, unser bevorzugtes Szenario in den nächsten Stunden und Tagen immer wieder kritisch zu hinterfragen. Oder anders formuliert: Es ist noch nichts entschieden, solange der DAX sich noch nicht endgültig für ein Szenario entschieden hat.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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