Und bist du nicht willig, so terrorisiere ich dich

Bernd Heim
By Bernd Heim / 22. Oktober 2014

Die Verlockung andere Menschen zu etwas zu zwingen, das sie eigentlich nicht wollen, war schon immer eine Aussicht, die zu verführerisch war, als dass sie nicht angewendet worden wäre. Nicht nur die Geschichtsbücher sind voll von entsprechenden Beispielen. Unser aktuelles Leben ist es auch.

Die Bandbreite der eingesetzten „Waffen“ ist weit. Sie reicht von „sanftem Druck“ und „verführerischer Überredungskunst“ auf der einen Seite bis hin zur Anwendung nackter Gewalt. Das ist bei der Werbung, die uns „überzeugen“ will ein Produkt zu kaufen, das wir möglicherweise gar nicht benötigen, nicht anders als in Politik und Wirtschaft.       

In der Regel erleben wir immer wieder eine Art Eskalationskette. Es beginnt mit einem dezenten Hinweis und endet mit dem Vorschlaghammer, wenn wir den „ach so vernünftigen Argumenten“ der Gegenseite nicht Folge leisten.

Über den sanften Druck brauchen wir an dieser Stelle nicht lange nachzudenken. Ihm kann man sich relativ leicht entziehen. Schwieriger wird es, den Unbeteiligten zu mimen, wenn schwereres Geschütz aufgefahren wird.

Vordergründig richtet sich der Terror gegen einige wenige, meist vollkommen unschuldige und an sich unbeteiligte Opfer, die einfach nur das Pech hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.

Doch dieser Eindruck trügt. Das eigentliche Ziel sind nicht diejenigen, die beispielsweise bei einem Anschlag sterben, sondern wir, die nicht sterben, überleben und von ihm hören. Uns gilt die „geschätzte Aufmerksamkeit“ der Terroristen, denn wir sollen eingeschüchtert und verängstigt werden.

Die Toten und Verletzten selbst sind oftmals nur Mittel zum Zweck. Dass dies eine extrem kalte und zynische Sichtweise auf die Existenz anderer Menschen ist, braucht nicht groß erwähnt zu werden und doch sollten wir unsere Augen vor dieser unangenehmen Wahrheit nicht verschließen.

Zielgerichteten Terror gibt es auch ohne Tote

In Deutschland streiken derzeit die Lokführer und Piloten. Ihr Arbeitskampf richtet sich vordergründig gegen die jeweiligen Arbeitgeber. Doch auch diese Sichtweise greift zu kurz, denn das eigentliche Ziel ist längst die Gesellschaft als Ganzes, wie am Beispiel der Lokführer leicht zu zeigen ist.

Ginge es nur um einen Konflikt mit dem Arbeitgeber, würden nur die gewerkschaftlich organisierten Lokführer zu Hause bleiben und die verbeamteten weiterhin ganz normal ihren Dienst tun. Der Bahnverkehr wäre zwar beeinträchtigt, würde aber nicht an jedem Streiktag neu nahezu komplett zum Erliegen kommen.

Das gelingt der GDL, indem ihre Mitglieder die Loks unmittelbar vor einer Weiche oder einem Signal abstellen und damit auch die verbeamteten Kollegen am Weiterfahren hindern. Es muss erst jemand kommen und die gezielt falsch abgestellte Lok zur Seite fahren, ehe die Strecke wieder frei ist.

Vordergründig richten sich die Aktionen gegen die Bahn, doch im Grunde wird eine ganze Gesellschaft terrorisiert und quasi in Geiselhaft genommen, um Einzelinteressen durchzusetzen.

Was hat das alles mit der Börse zu tun?

Lassen Sie uns an dieser Stelle die Bahnsteige verlassen und zur Börse zurückkehren. Hier gibt es eine interessante Frage, die mich schon seit einiger Zeit beschäftigt, auf die ich aber immer noch keine befriedigende Antwort gefunden habe. Es ist die Frage, warum der Kursrutsch gerade jetzt stattfindet und nicht schon früher.

Man könnte jetzt auf den Oktober als klassischen Verlustmonat oder die sich immer mehr eintrübenden Nachrichten aus der Wirtschaft verweisen, doch wirklich überzeugen können mich diese Argumente nicht.

Die Anzeichen für eine Verschlechterung waren auch im Sommer schon erkennbar. Damals gab es mit den Kämpfen in der Ostukraine einen Krisenherd mit explosivem „Entwicklungspotential“, der durchaus in der Lage gewesen wäre, die Welt im Allgemeinen und die Börsenwelt im Besonderen nachhaltig in Angst und Schrecken zu versetzen. Interessiert hat es die Märkte damals nicht. Sie versuchten sich stattdessen lieber an neuen Höchstständen.

Warum also die Aufregung und das große Zittern der Anleger gerade jetzt? Ein Grund könnte das ausgelaufene QE 3-Programm der amerikanischen Notenbank sein. Inzwischen scheint wohl auch dem letzten Investor zu dämmern, dass die Zeit des billigen Geldes vorbei sein soll – zumindest offiziell.

Leben ohne die Droge ‚Billiges Geld‘?

Was, wenn aber nicht sein kann, was nicht sein darf? Oder anders gefragt: Wie bewegt man die FED dazu, von ihrem ursprünglichen Plan abzurücken und auch weiterhin billiges Geld zum Spekulieren, also ich meine zur allgemeinen Stimulierung der Wirtschaft, zur Verfügung zu stellen?

Die Jahre seit 2009 waren an den Finanzmärkten von einem kräftigen Aufschwung gekennzeichnet. Allerdings verlief dieser nicht immer gradlinig. Es gab Einbrüche und Rücksetzer, die interessanterweise immer dann auftraten, wenn die geldpolitischen Maßnahmen der Federal Reserve Bank auf ihr Ende zusteuerten.

‚Na so ein Zufall‘, möchte man sagen und sich gleichzeitig die Frage stellen, was zuerst da war, die Henne oder das Ei. Folgte der Börsenaufschwung nur dem frischen Geld oder folgte das frische Geld nur dem vorangegangenen Börsenabschwung?

Falls nicht nur der Markt auf die FED reagiert, sondern diese auch auf den Markt, wäre eine interessante Überlegung, ob man der amerikanischen Notenbank nicht in Sachen QE 4 ein wenig auf die Sprünge helfen könnte?

Verkaufsterror als das vom Zweck geheiligte Mittel?

Falls Sie sich jetzt fragen ‚Wie?‘, verweise ich kurzerhand auf unsere Piloten und Lokführer. Warum sollen nicht auch unsere Banker, also nicht die in den kleinen Sparkassen auf dem platten Land, sondern die in den großen und einflussreichen Instituten, Sie wissen schon jene, die auch keine Probleme damit haben, den LIBOR oder sonst irgendeinen Kurs „nachzujustieren“, falls die eigenen Interessen dies zwingend erfordern, bei Bedarf zum Mittel der Erpressung greifen, wenn dieses sich heutzutage allgemein so großer Beliebtheit erfreut?

Man macht es dann wie die Kollegen von der GDL. Die bleiben nicht nur zu Hause und streiken, sondern stellen ihre Loks so ab, dass sie den größtmöglichen Schaden verursachen. Was im übertragenen Sinn für die Banker bedeutet, man verkauft nicht nur einige wenige Aktien, von denen man sich ohnehin trennen will, sondern etliche mehr. Am besten gleich so viele, dass auch die Medien und vor allem die FED sofort wissen, was die Stunde geschlagen hat.

Als Lohn für die Erpressung einer ganzen Gesellschaft gibt es dann für die einen eine saftige Lohnerhöhung und für die anderen viel billiges Geld mit dem sich die „kleine“ Finanzblase, die wir uns in den vergangenen Jahrzehnten herangezüchtet haben, munter weiter aufblasen lässt.

Auch wenn Sie mich jetzt für einen notorischen Schwarzseher halten, aber große Zweifel am Ausgang der neuerlichen Erpressungswelle habe ich nicht. Für mich stellt sich nur noch die Frage, wer früher umfallen und vor dem ihm entgegenschlagenden Terror kapitulieren wird: der Vorstand der Deutschen Bahn AG oder die amerikanische Notenbank.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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