Noch ist nichts verloren, aber auch noch nichts gewonnen

Bernd Heim
By Bernd Heim / 23. Oktober 2014

Auf halben Weg zwischen Hoffen und Bangen sind die DAX-Anleger am Mittwoch zwar nicht unbedingt mit einem Motorschaden liegen geblieben, wohl aber im Morast der zahlreichen Widerstände oberhalb von 8.900 Punkten erst einmal stecken geblieben.

Im Vergleich zum Schlusskurs vom Vortag konnte der Index zur Wochenmitte zwar noch einmal 53 Punkte oder 0,6 Prozent zulegen, doch was sind 53 Punkte möchte man angesichts der hohen Volatilität der letzten Tage fast meinen.       

Mit seinem bisherigen Anstieg hat der DAX das 38er Fibonacci erreicht. Etwas mehr als ein Drittel der Gesamtverluste ist damit aufgeholt und ausgeglichen worden. Somit sind die Mindestanforderungen für eine Korrektur erfüllt und die Anleger fragen sich zurecht, ob nun noch mehr kommen wird und wir weitere Anstiege sehen werden, oder die Bullen ihr Pulver bereits verschossen haben.

Positiv zu werten ist, dass der Wiederanstieg nicht allzu viel Zeit in Anspruch genommen hat. Die Bullen traten spät auf den Plan, dafür aber mit Nachdruck. Auf der Ebene des Stundencharts hat sich seit dem Tief der Vorwoche ein klarer Aufwärtstrend etabliert. Er spielt den Bullen kurzfristig in die Karten.

Tritt man jedoch einen Schritt zurück und betrachtet den Index auf Tagesbasis, trübt sich das Bild schnell ein, denn hier führen noch immer die Bären das Zepter und wir erkennen einen intakten Abwärtstrend, der selbst durch den Anstieg der letzten Tage noch nicht aus den Angeln gehoben werden konnte.

Es ergibt sich also ein gemischtes Bild: Auf Stundenbasis liegen weiter steigende Kurse nahe, denn der Aufwärtstrend ist intakt und auf Tagesbasis drohen weitere Kursverluste, weil der übergeordnete Abwärtstrend auch noch intakt ist.

Trendbruch voraus

Mit dieser Beobachtung sind wir fast so schlau wie zuvor, denn es liegt auf der Hand, dass beide Varianten einander auf Dauer ausschließen. Mit dem Bruch eines der beiden Trends ist also zu rechen. Nur welcher Trend bricht zuerst?

Kurzfristig gefährdeter ist eindeutig der Aufwärtstrend, denn er ist deutlich jünger und schwächer als sein Konkurrent. Außerdem liegen vor dem DAX schwere Widerstände. Über diese Hürden müssen die Bullen den Index erst einmal treiben.

Ob ihnen dazu die Kraft reicht, möchte ich vor dem Hintergrund der letzten Wochen stark bezweifeln. Ohne Rückdeckung aus den USA wird den Käufern wohl nicht das Kunststück gelingen, den DAX schnell in Richtung 9.500 Punkte ansteigen zu lassen.

Dow Jones und S&P500 sind in diesen Tagen für den DAX aber keine verlässlichen Partner. Immer dann, wenn sie hier in Deutschland besonders gebraucht werden, neigen sie zur Schwäche und alleine kommt der deutsche Leitindex nicht von der Stelle.

So auch gestern Nachmittag, als der DAX vor der noch offenen Kurslücke bei 8.950 Punkten nicht weiterkam und schlussendlich zurückfiel, weil auch die US-Indizes den Rückwärtsgang eingelegt hatten. Kein Wunder, dass die Bullen langsam ins Schwitzen kommen, denn nun kommt es darauf an, nun müssen sie liefern.

Entspannter stellt sich die Lage für die Verkäufer dar. Einen unmittelbaren Druck gibt es hier nicht. Selbst wenn es den Bullen gelingen sollte, den DAX wieder auf 9.500 Punkte zu treiben, ist für die Bären noch längst nicht alles verloren.

Überspitzt könnte man formulieren: Die Bären haben alle Zeit der Welt, während ein Bulle sich derzeit so fühlen muss, wie ein frisch eingewechselter Fußballspieler, dem sein Trainer vom Seitenrand verärgert zuruft, er werde in fünf Minuten schon wieder ausgewechselt, wenn er nicht bald drei Tore schießt.

Psychologisch ist das nicht gerade die beste Ausgangsposition um ein wichtiges Spiel, bei dem man deutlich hinten liegt, noch zu drehen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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