Bullenparty oder Bärenblues? – Die endgültige Entscheidung steht immer noch aus

Bernd Heim
By Bernd Heim / 24. Oktober 2014

Das Spiel geht in seine entscheidende Phase und zumindest die Käufer scheinen gewillt, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um die Partie am Ende zu ihren Gunsten zu entscheiden. Schritt für Schritt arbeiten sie sich vor und treiben den DAX auf Kursniveaus, die vor wenigen Tagen noch unvorstellbar schienen.

Oder hätten Sie vor einer Woche gedacht, dass der DAX gestern einen ernsthaften Angriff auf die 9.000 Punkte Marke startet und ihn zunächst erfolgreich abschließt? Vor einer Woche herrschte noch nackte Panik, wo heute langsam wieder Hoffnung keimt.       

So schnell ändert sich die Welt und so flüchtig sind die ‚langfristigen‘ Einschätzungen der Anleger. Alles kann sich quasi über Nacht ändern und niemanden interessieren noch seine Sorgen von vorgestern, wenn am Horizont wieder ‚traumhafte‘ Perspektiven aufscheinen.

Der DAX kannte am Donnerstagmorgen plötzlich kein Halten mehr, als der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe gemeldet wurde und die Zahlen besser als erwartet ausfielen.

Die zeitliche Abfolge ist eindeutig. Erst kamen die Zahlen, danach stieg der DAX steil an. Doch ist es berechtigt, aus der zeitlichen Abfolge auch eine kausale Ursache-Wirkungs-Kette zu konstruieren?

Waren die positiven Zahlen wirklich der fundamentale Grund, der den Index ansteigen ließ, oder waren sie nur eine Initialzündung, eine Art ‚Auslöser‘, auf welchen die Käufer bereits sehnsüchtig gewartet hatten und den sie dankbar annahmen, nachdem er sich ihnen präsentiert hatte?

Für die Bullen ist der Zeitgewinn ein klarer Erfolg

Beantworten können wir die Frage vermutlich erst in einigen Tagen, denn obwohl der DAX-Tag für Tag Boden gut macht, ist die grundsätzliche Frage, ob wir nun weiter ansteigen oder noch einmal deutlich tiefere Kurse sehen werden, nicht entschieden.

Sie wurde bislang nur vertagt, was aus Sicht der Bullen schon ein großer Erfolg ist, wenn Sie sich an all die tiefen Kursziele erinnern, die vor nicht einmal acht Tagen noch offen diskutiert wurden und über deren Erreichung kaum ein Zweifel zu bestehen schien.

Wenn der DAX am Donnerstag wirklich gestiegen ist, weil es von der Konjunkturfront bessere Nachrichten gibt, dann müssen weitere positive Meldungen folgen, denn es ist kaum anzunehmen, dass eine sich verbessernde Wirtschaftslage nur ein einziges positives Signal sendet.

Haben wir es hingegen nur mit einem unscheinbaren Luftzug zu tun, der weil er bewusst oder unbewusst durch das Instrument eines Trompeters geleitet, als Signal zum Angriff auf die 9.000 Punkte Marke gründlich missverstanden wurde, dürfte der Angriff der Bullen bald stecken bleiben, denn es scheint kaum plausibel, dass sich der DAX dauerhaft in höheren Sphären wird halten können, wenn die negativen Nachrichten aus der Wirtschaft nicht bald ein Ende haben.

Für die Käufer kommt es nun darauf an, den Schwung, der sie in den hinter uns liegenden Tagen auf über 9.000 Punkte getragen hat, auch in die neue Woche mit hinüberzunehmen. Gelingt ihnen dies, sind weitere Zugewinne nicht ausgeschlossen.

Die Zeit arbeitet immer noch für die Verkäufer

Kommt jedoch Verkaufsdruck auf, den die Käufer nicht aufnehmen können, ohne die Kurse zurückfallen zu lassen und die Dynamik der laufenden Aufwärtsbewegung deutlich zu schwächen, wird der Traum der Bullen von höheren Kursen schnell an der harten Wand der Realität zerschellen.

In diesem Fall könnten wir in acht Tagen durchaus wieder Trübsal blasen und das traurige Schicksal unserer Long-Investments beklagen. Ein derart heftiges Hin und Her würde nicht nur zur Börse an sich, sondern auch zum Kursverlauf der letzten Wochen recht gut passen, denn ausgeschlagen hat das Pendel schon immer, nur meist nicht in der Intensität, in der wir es seit Ende September erleben.

Grund die Flinte vorzeitig ins Korn zu werfen, haben derzeit weder die Käufer noch die Verkäufer. Beide können, trotz der eindrucksvollen Kurszuwächse der vergangenen Tage, den grundlegenden Richtungsstreit noch immer zu ihren Gunsten entscheiden. Das erschwert auf der einen Seite Analysen und Prognosen, sorgt auf der anderen Seite aber auch für ein hohes Maß an Spannung.

Ein wenig wirkt das vor uns liegende Wochenende deshalb wie die Halbzeitpause eines Fußballspiels. Sie nimmt kurzfristig den Fluss aus dem Spiel und ermöglicht beiden Mannschaften Kräfte zu sammeln und sich neu zu formieren. Doch entscheidend wird sein, wer am Montag frischer auf den Platz zurückkehrt.

Können die Bullen die Dynamik der letzten Tage halten, sind ihre Chancen, den Sieg davon zu tragen, nicht schlecht. Erlahmt ihr Schwung hingegen vorzeitig, sollte die Verkaufsphilosophie der Bären bald wieder spielbestimmend werden.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: