Erwartet uns ein milder Herbstausklang oder erleben wir nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 27. Oktober 2014

Man soll den Tag bekanntlich nicht vor dem Abend loben und den Monat nicht, bevor sein Ultimo erreicht ist, doch wenige Handelstage vor seinem Ende präsentiert sich der Oktober im DAX mit einer Monatskerze, die zumindest auf eine gewisse Entspannung hindeutet und vielleicht sogar Hoffnung macht.

Die Monatskerze ist nach wie vor eine rote Kerze, denn der Monat brachte den Anlegern bislang nur Verluste. Doch diese Verluste sind längst nicht mehr so stark wie noch vor gut zehn Tagen. Unter dem Kerzenkörper hat sich ein langer Schatten gebildet.      

Ausgehend von seinem Monatstief bei 8.350 Punkten hat der DAX eine ansehnliche Aufwärtsstrecke zurückgelegt. Es ist wieder etwas Ruhe und Zuversicht eingekehrt. Wir bemerken es an verschiedenen Indizien.

Die im VDAX gemessene Volatilität ist wieder deutlich zurückgekommen. In der Spitze schnellte sie auf Werte um 32 empor, aktuell stehen wir zehn Punkte niedriger. Das ist zwar deutlich mehr als zu besten Haussezeiten, da sich die Anleger sicher schienen, dass ihnen keinerlei Gefahr drohen wird, aber auch nicht mehr das Unruheniveau von Mitte Oktober.

Die Wogen haben sich etwas geglättet

Viele Kommentatoren führen zudem an, dass während der ‚Verkaufspanik‘, die zur Monatsmitte geherrscht habe, sehr viele Aktien den Besitzer gewechselt hätten. Sie seien nun wieder in den ’starken Händen‘ und damit sei auch die Basis für einen neuen Aufschwung gelegt, denn die ’starken Hände‘ verkaufen ja angeblich nicht.

Das Volumen war in der Tat höher als sonst und auch die Volatilität zog deutlich an. Aber ist beides Berechtigung genug von einem ‚Panikniveau‘ zu sprechen? Macht es Sinn, die Verkäufe der Monatsmitte als finalen Bereinigungsprozess anzusehen?

Die Frage ist nicht nur eine philosophische, geeignet für die Elfenbeintürme der Traderwelt, sondern auch eine ganz praktische. Wenn die Verkaufswelle zur Monatsmitte wirklich jene abschließende Verkaufspanik war, die wir immer wieder am Ende von Abwärtsbewegungen sehen, dann ist in der Tat die Luft wieder rein und der DAX hat alle Chancen weiter anzusteigen.

War sie es nicht, heißt das nicht unbedingt, dass der DAX nicht weiter ansteigen könnte oder gar in den nächsten Tagen fallen muss, sondern nur, dass noch genügend Papiere in den ’schwachen Händen‘ verblieben sind. Und diese ’schwachen Hände‘ sind leicht zu verunsichern und deshalb in Phasen großer Verunsicherung auch gerne mal bereit, sich übereilt von ihren Aktien zu trennen.

Der langfristige Aufwärtstrend seit Juli 2011 wurde verlassen, ein mittelfristiger Abwärtstrend etabliert und eine kurzfristige Aufwärtsbewegung begonnen. ‚Drei Trends, vier Meinungen‘, könnte man jetzt angesichts der verworrenen Ausgangslage klagen und sich unschlüssig auf die Unterlippe beißen.

Es ist in der Tat nicht ganz einfach mit trendlosen Situationen fertig zu werden, denn sie zeichnen sich immer wieder durch ein manchmal recht unmotiviertes Hin und Her aus. Heute noch alles in bester Ordnung wird morgen schon wieder der Weltuntergang antizipiert.

Trendlose Zeiten sind vergleichsweise orientierungslose Zeiten

Im Hintergrund steht natürlich die Orientierungslosigkeit der Anleger. Sie werden anders als bei einem klaren Trend, in dem die generelle Marschrichtung allen relativ klar ist, von ihren Ängsten, Gefühlen und selbstverständlich auch von einer Vielzahl an unterschiedlichen Meinungen hin- und hergerissen.

Das innere Gefühlschaos findet dann meist sehr schnell seine Entsprechungen in der realen Welt. Bevorzugt geschieht das in den Charts, die den Eindruck vermitteln, als wüssten die Anleger nicht so recht, was sie wollen, dies aber unter vollem Einsatz ihrer Mittel.

Was mich aktuell dem kurzfristigen Aufwärtstrend mit einer Portion Skepsis begegnen lässt, ist die vorangegangene „Panik“, die meines Erachtens noch gar keine richtige Panik war. Wenn der VDAX extreme Werte von 50 und höher erreicht hätte, würde ich dem aktuellen Aufschwung mehr Vertrauen entgegenbringen.

Außerdem wurden die Korrekturziele auf der Unterseite eher verfehlt als erreicht. Eine zweite Abwärtswelle könnte diesen „Mangel“ beheben, den Markt endgültig bereinigen und die Basis für einen tragfähigen neuen Aufschwung legen.

Das wäre dann eher eine Aufgabe für den kommenden Winter. Jetzt stellt sich für jeden Anleger, der einen Zeithorizont hat, der über ein paar Stunden oder Tage hinausgeht, die Frage, ob das Eis schon trägt, das sich quasi über Nacht vor seinen Augen gebildet hat.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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