Der Wochenauftakt ging schon mal gründlich daneben

Bernd Heim
By Bernd Heim / 28. Oktober 2014

Die Vorgaben waren eigentlich nicht schlecht und die Vorbörse deutete auf einen recht freundlichen Börsentag, doch schon um fünf nach neun war der Traum von einem erfolgreichen Wochenstart faktisch ausgeträumt, denn die Kurse gaben von Minute zu Minute weiter nach.

Einige wenige Minuten Handelszeit in der neuen Woche reichten also aus, um aller Welt deutlich zu zeigen, wie es um die mentale Verfassung der Anleger gestellt ist. Von Ruhe und Gelassenheit war keine Spur, eher von hektischer Betriebsamkeit um der Betriebsamkeit willen.       

Welchen anderen Grund könnte man sonst benennen, um seine Verwunderung auszudrücken, dass die gleichen Anleger, die in der Stunde vor Börseneröffnung noch recht zuversichtlich gestimmt waren und die Kurse steigen ließen, nach dem Beginn des offiziellen Börsenhandels plötzlich alle kalte Füße bekamen und nur noch ans Verkaufen dachten?

Mit Logik hatte das Ganze herzlich wenig zu tun, mit Angst und Unsicherheit dafür umso mehr. Im Hintergrund steht natürlich die Sitzung der amerikanischen Notenbank am Mittwoch. Auf sie projizieren die Anleger derzeit ihre Wünsche und schlimmsten Befürchtungen gleichermaßen.

Wenn die Anleger an den kommenden Mittwoch denken, wissen sie nicht, ob sie Weihnachten oder das Jüngste Gericht erwarten sollen

Auf der einen Seite scheint man auf ein finanzpolitisches Wunder zu hoffen oder zumindest auf ein wenig Nachsicht und Milde. Andererseits dürfte aber auch den kühnsten Tagträumern klar sein, dass Janet Yellen nicht ihre Glaubwürdigkeit als FED-Chefin leichtfertig aufs Spiel setzen wird, nur um ein paar verängstigte Investoren für einige wenige Tage glücklich zu machen.

Seit Monaten hat die US-Notenbank ihr Anleihekaufprogramm zurückgefahren. Monat für Monat wird das Programm um 10 Mrd. US-Dollar gekürzt. Kritik an diesem Schritt gab es von Anfang an. Dennoch ließ sich die FED von den mahnenden Stimmen nicht umstimmen und ging den einmal eingeschlagenen Weg konsequent weiter.

Nun ist man fast am Ziel. Im September war das Ankaufprogramm auf nur noch 15 Mrd. US-Dollar zurückgefahren worden und jeder, der bei der Behandlung der vier Grundrechenarten in der Schule nicht gefehlt oder konstant geschlafen hat, kann sich ausrechnen, dass in Kürze Schluss sein muss.

Wirklich wahrhaben will der Markt diese Erkenntnis jedoch nicht. Er sträubt sich massiv gegen sie. Mal wird offen protestiert, mal in wilder Panik alles verkauft, was mit ‚A‘ wie Aktien im Zusammenhang stehen könnte, und mal wird auch einfach nur die Wirklichkeit grandios verleugnet und eine Flucht ins Wunschdenken angetreten.

Letztere ist für die augenblickliche Situation besonders bezeichnend, denn nun, kurz vor dem Ende zu glauben, dass die Notenbank eine scharfe Kehrtwende macht und dem Markt erklärt, es wäre alles ein großer Irrtum gewesen und die Anleihekäufe gingen doch in unverminderter Höhe weiter, ist nicht nur eine harmlose Form von Wunschdenken und Tagträumerei, sondern eher eine schwere Form von Halluzination und Fieberwahn.

Traumwelten haben eine eigentümliche Faszination, die von der Wirklichkeit nie erreicht werden wird

Viele Anleger klammern sich nun an ein wenig Symbolpolitik. Würde die FED ihre Anleihekäufe um weitere 10 Mrd. US-Dollar auf nur noch fünf Mrd. Dollar beschneiden, diese aber unbegrenzt oder zumindest länger fortsetzen, wäre beiden Seiten gedient. Die FED würde ihre Glaubwürdigkeit wahren und der Markt hätte keinen Grund, sich vor dem endgültigen Auslaufen der QE-Programme zu fürchten.

Bei so „einfachen“ Lösungen ist meist der Wunsch Vater des Gedankens. So auch hier, denn die vermeintliche Lösung nähert sich dem Problem nur von einer Seite her, in diesem Fall der des Marktes. Die Position der FED wird nicht bedacht, denn sie würde mit einer solchen „Lösung“ nichts gewinnen und gleichzeitig Gefahr laufen alles (an Glaubwürdigkeit) zu verlieren.

Wer im Frühjahr ankündigt ein Programm auslaufen zu lassen, wer im Sommer planmäßig seine Aktivitäten zurückfährt, der setzt diesen Weg nicht im Herbst überraschend aus, ohne im Winter seine Glaubwürdigkeit vollkommen verspielt zu haben.

Janet Yellen und die übrigen FED-Gouverneure wissen das und eigentlich sollte es auch der Markt wissen, aber ganz ehrlich: Ist Wunschdenken nicht schon immer die schönere Art gewesen, sich mit der Hässlichkeit dieser Welt auseinanderzusetzen?

Niedrig angesetzte Erwartung haben es leichter übertroffen zu werden. Bei zu hoch angesetzten Hoffnungen ist es anders. Hier droht ein „unerwarteter“ Absturz mit anschließendem schmerzhaften Aufprall auf dem harten Boden der Realität.

Schaue ich mir unter dieser Prämisse die vor uns liegenden Börsentage an, sehe ich nur wenig Raum für positive Überraschungen, aber viele harte Ecken und Kanten, an denen die Träume der Anleger wie Seifenblasen zerplatzen können.

Das spricht nicht unbedingt für höhere Kurse und ein erfolgreiches Überwinden der vor uns liegenden Widerstände, sondern eher für vermehrtes Geschrei und Katzenjammer zum Ende der Handelswoche hin.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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