Fahrkartenkontrolle im Pendelbus

Ach, was waren das doch noch für traumhafte Zeiten vor einem Jahr, als wir einem relativ klaren Trend folgten und beim entspannten Blick aus dem Fenster immer höhere Chartmarken genüsslich an uns vorbeiziehen sahen. Sie erinnern sich noch ganz schwach?

Damals war es noch eine Freude, bei „DAX-Reisen“ die extragroße Deutschlandtour gebucht zu haben. Große, gut geputzte Panoramafenster und dazu noch ein recht ordentliches Tempo bei der Fahrt von der norddeutschen Tiefebene Richtung Zugspitze – Investorenherz, was willst du mehr?

Heute fühlt man sich als Anleger eher mit übergroßem Koffer in einen mit Schülern, Hausfrauen und Rentnern überfüllten Stadtbus gezwängt. Es ist laut, keiner kann einem genau sagen, wo es hingeht, die Luft ist stickig, und wenn einer aussteigen will, gibt es ein einziges großes Gedränge und Geschiebe.

Im Bus selbst und an den Haltestellen wird mächtig geschimpft, weil immer wieder vorne einer nicht einsteigen kann und hinten die Leute nicht rechtzeitig zum Ausgang kommen. Es ist kaum Platz vorhanden, keiner zur Seite treten mag und außerdem muss alles immer so furchtbar schnell gehen.

Die ersten Fahrgäste haben inzwischen bereits das ungute Gefühl, selbst Busfahrer zu spielen, weil es ohne konkretes Ziel immer nur im Kreis zu gehen scheint und das Tonband mit der Ansage der Haltestellen wie von Geisterhand auf ‚Endlosschleife‘ geschaltet wurde. Den Fahrer selbst ficht das nicht an. Er fährt stur seine Runden, bis das Ende der Schicht erreicht ist.

Solcher Art eingepfercht mit „Albtraum-Reisen“ unterwegs zu sein, ist an für sich schon Strafe genug. Doch wie so oft im Leben kommt es meist noch schlimmer als es ohnehin schon ist. Wer etwas weiter vorne steht und einen Blick durch die Scheiben erhaschen kann, sieht bereits das nahende Unheil: An der nächsten Haltestelle wird eine Fahrkartenkontrolleurin zusteigen.

Sie hat graues Haar und sieht der aktuellen Chefin der US-Notenbank, Janet Yellen, irgendwie zum Verwechseln ähnlich. Fast könnte man meinen, ihre Zwillingsschwester vor sich zu haben. Allein die Aussicht kontrolliert und nach der Fahrkarte gefragt zu werden, lässt die Menschen im Bus erzittern und erschauern.

‚Habe ich heute Morgen in der Eile auch den richtigen Fahrschein gelöst?‘ ‚Bin ich in den richtigen Bus eingestiegen oder hätte ich eine andere Linie nehmen müssen?‘ Auf mindestens jedem zweiten Gesicht sind die inneren Dialoge auch dann ablesbar, wenn sie vollkommen still geführt werden.

In ihrer Verzweiflung springen die ersten Fahrgäste aus dem noch rollenden Bus. Bei einigen wird man hinterher sogar einen gültigen Fahrschein finden und auch die Linie und die Richtung hätten gepasst. Aber gesprungen sind sie in ihrer Panik trotzdem.

Nachdem die Kontrolleurin zugestiegen ist, öffnet sich das Dach und der Bus wandelt sich in eine übergroße Zentrifuge. Reihenweise werden die Fahrgäste ohne gültigen Fahrschein im hohen Bogen hinausgeschleudert, während der Busfahrer kräftig aufs Gaspedal drückt. Die eine Hälfte landet im Graben, die andere trifft auf die Bäume am Straßenrand. Einen psychischen Heldentod sterben sie alle.

Im Bus steigt mit dem Tempo auch die Erleichterung. Endlich sind wieder ein paar Sitzplätze frei und es gibt wieder so etwas wie ein fernes Ziel, etwas auf, das man sich freuen kann.

Mit einem feinen Lächeln auf den Lippen verabschiedet sich die Kontrolleurin. Sie wird wiederkommen, sagt sie vieldeutig, bevor sich die Türen hinter ihr mit einem lauten Zischen wieder schließen.

Fasziniert und gleichzeitig auch ein wenig verängstigt schauen die Investoren hinter den Scheiben auf die an der Haltestelle zurückbleibende Kontrolleurin. Ihre Gestalt wird schnell kleiner.

Als sie fast nicht mehr zu sehen ist, wird der Erste nervös. „Sind wir noch im richtigen Bus?“ „Nein, wir sind zu weit. Wir müssen sofort raus!“, schreit ein anderer. Zu dumm nur, dass das gerade nicht geht. Eine Haltestelle ist weit und breit nicht zu sehen.

Trotzdem drängen die Anleger zum Ausgang. Weil der Busfahrer die Türen nicht vorzeitig öffnen will, werden die ersten Fenster eingeschlagen. Die, die nicht eingeschlagen wurden, zerbrechen, als der Bus ins Schlingern kommt und die Böschung hinuntergleitet.

Im Polizeibericht wird später etwas von ‚Trunkenheit am Steuer‘ stehen und die Zeitungen werden den Busfahrer für die Katastrophe verantwortlich machen. Ein paar unbeteiligte Zeugen am Straßenrand wissen es besser. Doch sie ziehen es vor, eisern zu schweigen. Zu groß ist der gesellschaftliche Druck, die Schuld für die Katastrophe dem Busfahrer und armen Kontrolleurin in die Schuhe zu schieben.

Vor Gericht behaupteten sie, nur nach bestem Wissen und Gewissen ihre Pflicht getan zu haben. Geglaubt hat es ihnen am Ende niemand. Alle wussten es wieder einmal besser. Hinterher versteht sich.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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