Eine grundsätzliche Entscheidung ist überfällig

Bernd Heim
By Bernd Heim / 30. Oktober 2014

Man kann es den Anlegern nicht verdenken, dass sich vor der Entscheidung der US-Notenbank niemand weit aus dem Fenster lehnen wollte. Die Gefahr, auf dem falschen Fuß erwischt zu werden, war einfach zu groß.

Entsprechend neutral verhielt sich der DAX in den ersten drei Handelstagen dieser Woche. Zwar gab es am Dienstag und Mittwoch Zugewinne, aber alles in allem überwog doch die abwartende Untätigkeit. Symptomatisch dafür waren die Kursbewegungen vom Mittwoch.      

Die Hürde von 9.150 Punkten bremste den Index am frühen Morgen gleich nach der Eröffnung geradezu klassisch aus. Nicht ein einziger ernsthafter Versuch über den Widerstand anzusteigen, wurde unternommen.

Stattdessen pendelte der Index zunächst in einer neutralen Zone unentschlossen seitwärts, folgte am Nachmittag den negativen Vorgaben der Wall Street und beendete den Xetra-Handel mit einem hauchdünnen Zuwachs von 14,62 Punkten nur noch leicht im Plus.

Grund die Kursmuster der letzten Tage überzubewerten haben wir nicht, denn wenn der Markt auf die FED wartet, dann sind die wirklich aufschlussreichen Bewegungen immer erst nach der Verkündung der Notenbankentscheidung zu erwarten.

Nimmt der Markt nun direkt Kurs auf seine neuen Ziele?

Eine lebhaftere zweite Wochenhälfte kann vor diesem Hintergrund nicht verwundern. Doch die wirklich interessante Frage ist nicht, ob wir von nun an wieder mehr Bewegung und eine höhere Volatilität sehen werden, sondern ob der Markt seine neuen Ziele direkt oder nur über einen Umweg ansteuern wird.

Die direkte Variante sollte den Anlegern prinzipiell die geringeren Sorgen bereiten, denn lästige Fehlsignale sind in diesem Fall weniger zu erwarten. Das erleichtert fraglos das Traden und Investieren. Eine andere Frage ist jedoch, ob die Marktteilnehmer dem Markt trauen werden, wenn dieser nun eine neue Richtung einschlägt.

Folgen sie ihm nicht, könnte die paradoxe Situation entstehen, dass der Markt zwar klare Zeichen setzt, aber trotzdem kaum jemand investiert ist, weil das Vertrauen in die neue Marschrichtung viel zu schwach ausgeprägt ist.

In diesem Fall werden die Anleger zwar nicht unbedingt viel Geld verlieren, aber auch keines gewinnen. Psychologisch sind das sehr undankbare Situationen, weil man sich über die entgangenen Gewinne leicht Grün und Blau ärgern kann.

Einmal links antäuschen und dann rechts vorbei?

Plötzliche Kehrtwenden, die uns beim Sport eher erfreuen, sind an der Börse und im Geschäftsleben besonders ärgerlich. Wer zu leichtgläubig ist oder zu schnell reagiert, weil er Angst hat, einen fahrenden Zug zu verpassen, verliert dann leicht Geld.

In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, sich eine Entwicklung in Erinnerung zu rufen, die wir nach Zahlen und auch nach Notenbankentscheidungen immer wieder beobachten können: Egal, ob der Markt zunächst steigt oder fällt, sehr oft werden auch dynamische steile Anstiege bald wieder abverkauft und hohe Verluste schnell wieder ausgeglichen.

Aus einer Art ‚Augenblickslaune‘ heraus ist der Markt euphorisch oder panisch geworden und rennt in eine Richtung, doch wirklich dauerhaft ist dieses Gefühl nicht, sodass sich die Kurse an der Börse schnell wieder in die Gegenrichtung entwickeln können.

Damit soll nicht gesagt sein, dass es sich mit der ersten Reaktion des Marktes vom Mittwochabend genauso verhält, aber auszuschließen ist das nicht. Der US-Markt schien gestern zunächst nicht so genau zu wissen, was man mit der Entscheidung der FED anfangen soll.

In einer Spanne von etwa 100 Punkten pendelte der Dow Jones in den beiden auf die Notenbankentscheidung noch folgenden Handelsstunden unschlüssig hin und her. Große Rückschlüsse kann man aus dem Gezappel noch nicht ziehen.

Es hat eher den Anschein, als wollten die US-Anleger erst einmal eine Nacht drüber schlafen. Insofern sehen wir vielleicht erst mit einer kleinen Verzögerung von ein, zwei Tagen, was die Anleger wirklich von dem Beschluss halten und wie sie zu ihm stehen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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