Kaufen oder nicht kaufen, das ist die Frage

Bernd Heim
By Bernd Heim / 31. Oktober 2014

„Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, haben aber nicht alle den gleichen Horizont.“ Bestimmt kennen Sie diese Redensart, die auf die Börsenwelt bezogen besser „Wir handeln alle an den gleichen Märkten, haben aber nicht alle den gleichen Zeithorizont“ lauten sollte.

Der Daytrader ist quasi gezwungen Tag für Tag zu handeln. Ansonsten sollte man ihn besser Wochen-, Monats- oder Jahrestrader nennen. Daraus ergibt sich auch immer ein gewisser Handlungsdruck.      

Aus der Entscheidungstheorie wissen wir, dass Handlungen immer unter Unsicherheit und Zeitdruck getroffen werden. Die Unsicherheit haben der kurzfristig agierende Daytrader und der in langen Zyklen denkende Investor gemeinsam. Beide wissen nicht, wo morgen die Kurse stehen werden. Sie ahnen es vielleicht, aber von echtem Wissen kann keine Rede sein.

Beim Zeitdruck ergeben sich jedoch gewisse Unterschiede. Während es für den langfristig agierenden Investor nicht ganz so entscheidend ist, ob er heute oder doch erst morgen handelt, drängt beim Daytrader fast immer die Zeit.

Um 17.30 Uhr endet der Xetra-Handel, danach dünnt das Volumen spürbar aus und bis dahin sollte ein Daytrader seine Schäfchen im Trockenen haben, will er den Tag nicht als ‚verlorenen Tag‘ abschreiben müssen.

Der langfristig agierende Anleger kennt diesen Zeitdruck nicht so. Er wartet, bis der Markt das entscheidende Startsignal sendet, und lässt sich dann per Stopp-Buy-Order in den Markt einstoppen oder wartet auf einen Rücksetzer und versucht per Limitorder einen Fuß in die Tür zu bekommen.

Jetzt schon kaufen oder besser auf die Kanonen warten?

Während der kurzfristig agierende Daytrader unter Umständen mehrmals am Tag die Richtung wechselt und je nach Lage mal Long und mal Short unterwegs ist, stellt sich für alle langfristigen Investoren in diesen Tagen eher die grundsätzliche Frage, ob man überhaupt aktiv werden soll.

Man könnte jetzt argumentieren, dass sich im mittel- und langfristigen Zeitfenster auch auf der Shortseite immer wieder gute Einstiegsmöglichkeiten ergeben, aber sind diese Chancen wirklich das, was sich der durchschnittliche deutsche Privatanleger erhofft?

Wir dürfen in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass die Deutschen kein Volk von Aktionären sind. Mich selbst beschleicht immer wieder eine Art Traurigkeit, wenn ich lese, dass die Zahl der Aktionäre in Deutschland heute geringer ist als 1996 vor dem Börsengang der Deutschen Telekom. Hier sind leider etliche Chancen und Jahre ungenutzt ins Land gegangen.

Einen zweiten Punkt, den man in diesem Zusammenhang unbedingt beachten sollte, ist die immer wieder klar zu erkennende Abneigung, mit der deutsche Privatanleger Shortinvestments gegenübertreten.

Ob diese Abneigung Sinn macht oder nicht, brauchen wir an dieser Stelle gar nicht weiter zu diskutieren. Es bringt auch nicht viel, argumentativ massiv gegen sie vorzugehen, denn sie entstammt eher einem ‚unbestimmten Bauchgefühl‘ als einer logisch getroffenen Entscheidung.

Entscheidend ist allein, dass diese massive Abneigung besteht und dass sie für viele Anlageentscheidungen mitverantwortlich ist. Wenn sich die Masse der Anleger mit dieser Vorgehensweise wohlfühlt, muss man das akzeptieren und zur Kenntnis nehmen, auch wenn man selbst anderer Meinung ist.

Abwarten und Teetrinken als kurzfristige Strategie?

Vor diesem Hintergrund ergibt sich für viele mittel- bis langfristigen Anleger momentan kein akuter Handlungsbedarf. Wer die Shortseite aus welchen Gründen auch immer, nicht spielen will, der kann relativ gelassen und untätig an der Seitenlinie verharren.

Ein klarer Trend liegt nicht vor und die 200 Tage-Linie, an der man sich beispielsweise orientieren könnte, um zu entscheiden, ob man wieder mit neuen Käufen in den Markt einsteigt, ist meilenweit entfernt.

Abzuwarten bis entweder der 200 Tages-Durchschnitt (derzeit bei ca. 9.500 Punkten) erreicht wird oder der DAX erneut so tief fällt, dass die Kanonen wieder donnern, ist deshalb für diese Art von Investoren, nicht die schlechteste Vorgehensweise.

Der kurzfristig agierende Daytrader darf und wird diese Strategie für sich nicht übernehmen. Er muss jeden Tag neu nach Einstiegssignalen suchen, die zu ihm und zu seiner persönlichen Vorgehensweise passen. Je ausgefeilter seine Strategie ist, umso mehr Erfolg wird er dabei haben.

Doch wir dürfen nie vergessen, dass das, was für den einen Anleger passt, für den anderen ganz unpassend sein kann. So kann es sein, dass der eine in Ruhe genüsslich spazieren geht und einen entspannten Nachmittag verlebt, während der andere einen wilden Handelstag mit einer rekordverdächtigen Anzahl an Trades hinter sich gebracht hat.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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