Ein Tag für die Geschichtsbücher

Bernd Heim
By Bernd Heim / 13. November 2014

An was wird man sich in einigen Jahren oder Jahrzehnten erinnern, wenn man an den 12. November 2014 zurückdenkt? Nun, der Kursverlauf an den internationalen Börsen wird den Menschen wohl eher nicht in den Sinn kommen, obwohl der DAX gestern im „vorauseilenden Gehorsam“ deutlich stärker nachgegeben hat als die ebenfalls zur Schwäche neigenden US-Märkte.

Damit wird einmal mehr die innere Schwäche der laufenden Aufwärtsbewegung deutlich. Ohne Rückwind aus den USA scheint der DAX die 200 Tage-Linie nicht überwinden zu können. Die Käufer müssen deshalb darauf hoffen, dass in den USA im S&P 500 nicht nur die Aufwärtsdynamik nicht erlahmt, sondern es bald auch zu einer Trendbeschleunigung, beispielsweise durch die sehnsüchtig erwartete Jahresendrallye, kommt.

Das sollte reichen, um Bullenherzen höher schlagen zu lassen, doch für einen Eintrag in die Geschichtsbücher ist das alles viel zu wenig. Sollten spätere Generationen sich an den 12. November 2014 wirklich noch erinnern wollen, dann allein deshalb, weil am Mittwoch Träume auf eine sehr angenehme und mitreißende Art und Weise Wirklichkeit geworden sind.

Mit der erfolgreichen Landung der Sonde ‚Philae‘ auf der Oberfläche des Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko ist nicht nur der Griff des Menschen nach den Sternen in eine neue Phase eingetreten. Viel wichtiger als die geglückte Landung selbst ist, wie sie erreicht wurde.

Gemeinsam zum Ziel

Es ist allein dieses ‚wie‘, das den 12. November 2014 in ein ganz anderes Licht rückt als den 4. Oktober 1957. Mit dem Start des Sputniks wurde zwar das Tor zum Weltraum aufgestoßen, doch das geschah in Form eines Wettlaufs. Rivalität statt Kooperation war damals das Motto.

Das war und ist bei der laufenden ‚Rosetta‘-Mission der ESA zum Glück anders. Es sind zwar einige wichtige Raumfahrtnationen nicht beteiligt, doch der Kreis der Länder, die ihren Beitrag zum Erfolg des Gesamtprojekts geleistet haben, war noch nie so groß wie bei dieser Mission.

Das ist keine Selbstverständlichkeit und die Bedeutung dieser vorbildlichen Form der Zusammenarbeit wird nur noch größer, wenn man bedenkt, dass es „außer“ neuem Wissen da draußen in den Weiten des Weltraums nichts zu gewinnen gibt. Wir können einige sehr wichtige und interessante Erkenntnisse über den Ursprung des Lebens gewinnen, doch wirtschaftlich verwenden lassen sich all diese neuen Beobachtungen bis auf Weiteres nicht.

Was hat das alles mit der Börse zu tun?

Die Antwort auf diese Frage ist mal wieder ein klares ‚Gar nichts‘. Es scheint sogar so, als seien die Finanzmärkte per Definition so etwas wie die Kehrseite diese Medaille. Während die Astronomen, Physiker und Ingenieure allein schon aufgrund der Schwierigkeit und Komplexität der Aufgabe und der Höhe der mit ihr verbundenen Kosten dazu verdammt sind, zusammenarbeiten zu müssen, kämpft an der Börse mehr oder weniger jeder nur für sich selbst.

Bei den übergeordneten Finanzproblemen ist es ähnlich. Hier sind es nicht einzelne Anleger, sondern gleich ganze Staaten oder Staatenbünde, die miteinander schachern und sich gegenseitig den ‚Schwarzen Peter‘ zuschieben. Wenn es klappt, gewinnt man einen leichten Vorteil gegenüber der ausländischen Konkurrenz und begünstigt die eigene Exportwirtschaft zumindest so lange, bis die Gegenseite nachzieht und den eigenen Vorteil wieder ausgleicht, indem sie beispielsweise ihre Währung ebenso schwächt, wie man selbst es zuvor getan hat.

Ich will jetzt nicht behaupten, die Lösung für die systemischen Probleme unseres modernen Geldwesens läge allein in einer deutlich verbesserten internationalen Zusammenarbeit. Doch als ich am Mittwoch die Nachrichten von der erfolgreichen Landung der Sonde auf dem Kometen hörte, fragte ich mich schon, warum nicht auch im Finanzbereich möglich ist, was in anderen Formen der Wissenschaft längst erfolgreich gelebter Standard ist.

Klare Zielsetzung, langer Zeithorizont

Vielleicht liegt es an der Zielsetzung und am Zeithorizont. Die am ‚Rosetta‘-Projekt der ESA Beteiligten haben mehr als zwanzig Jahre daran gearbeitet diesen dusseligen Roboter auf diesen noch dusseligeren Himmelskörper zu bringen. ‚Planen‘, ‚Losfliegen‘, ‚Ankommen‘ und ‚erfolgreich Landen‘ waren die Ziele, die nach und nach systematisch abgearbeitet wurden.

Ein Risiko war die Mission zu jedem Zeitpunkt, denn einen derartigen Griff nach den Sternen hatte die Menschheit bislang noch nie getan. Am Ende stand der Erfolg, doch auch aus einem Misserfolg hätte man für die Zukunft vieles lernen können.

Den Finanzmärkten ist diese Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit eher fremd. Hier denkt man bevorzugt von Zwölf bis Mittag und Hektik um der Hektik willen ist ein gerne praktiziertes „Betriebskonzept“.

Vielleicht würde es helfen, wenn man einige wichtige Akteure und Marktteilnehmer mal als Praktikanten für einige Jahre zur ESA schickt.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: