Bocksprünge im Weltall und auf dem Frankfurter Parkett

Bernd Heim
By Bernd Heim / 14. November 2014

Auch am Tag nach der erfolgreichen Landung auf dem kleinen Kometen Tschuri steht die ‚Rosetta‘-Mission der ESA im Mittelpunkt des Medieninteresses und wir erfahren viele interessante Details, etwa dass das Landemodul erst beim dritten Kontakt mit dem Kometen zum Stehen gekommen ist und zwischen den einzelnen Versuchen auf der Oberfläche des Kometen unsicher hin- und hergesprungen ist.

Der ursprüngliche Landebereich wurde dabei verfehlt, der Lander soll nun auf der Seite liegen, mit einem Bein in der Luft hängen und einer Felswand bedrohlich nahegekommen sein. Die wird wahrscheinlich nicht auf ihn einstürzen, schirmt ihn und seine Solarmodule aber weitgehend vom überlebenswichtigen Sonnenlicht ab.      

Stephan Ulamec, der ‚Philae‘-Projektleiter beim DLR in Köln wurde gestern in den Medien mit den Worten zitiert: „Wir verstehen besser, wie wir gelandet sind. Aber wir wissen nicht, wo wir gelandet sind.“

Wenn mir jetzt noch jemand erklärt, dass der Mann nach Feierabend den DAX handelt, schließt sich für mich ein Kreis, denn all das, was in diesen Tagen über die ‚Rosetta‘-Mission der ESA berichtet wird, kommt mir vor, wie eine in die Weiten des Weltraums verlagerte DAX-Analyse.

Klimmzüge zwischen Hoffen und Bangen

Auch auf dem Frankfurter Parkett wissen die Anleger nicht, ob sie gelandet sind, und wo sie gelandet sind, und dass wir mit einem Bein regelrecht in der Luft hängen, dieses Gefühl wird schon so manchen Anleger in der jüngeren Vergangenheit beschlichen haben.

Viele der Fragen, die man sich derzeit beim DLR in Köln und bei der ESA in Darmstadt stellt, wird man sich auch im nahen Frankfurt stellen. Noch immer nicht ausreichend beantwortet ist die Frage, wo wir uns überhaupt befinden. Bildet die Mitte Oktober angelaufene neue Aufwärtsbewegung nur ein Plateau aus, von dem es bald weiter gen Norden gehen wird, oder sind wir auf der Spitze einer Gegenbewegung angekommen und drohen schon in Kürze wieder in die Tiefe zu stürzen?

Es ist ohne Zweifel eine Konsolidierung auf hohem Niveau und mit jedem Tag, den der deutsche Aktienindex nicht oder nicht stark zurückfällt, wächst die Chance auf eine baldige Fortsetzung der Bewegung. Die Zeit arbeitet momentan also eher für die Käufer als für die Verkäufer.

Letztere müssen ihre Hoffnungen angesichts des herannahenden Jahresendes schon fast auf einen ’schwarzen Schwan‘, also ein ungewöhnliches Ereignis, das den Markt vollkommen unerwartet und unvorbereitet trifft, setzen, um eine Begründung dafür zu finden, warum der DAX gerade in den nächsten Tagen wieder massiv an Boden verlieren soll.

Die Entscheidung rückt näher

Ausgeschlossen ist das alles natürlich nicht und es mangelt uns im Krisenjahr 2014 auch gewiss nicht an den passenden Anlässen. Trotzdem lebt es sich – rein vom psychologischen Standpunkt aus betrachtet – viel einfacher, wenn man nicht jeden Tag mit dem Schlimmsten rechnen muss.

Wir Menschen können uns zwar in der Tat hervorragend in Krisen und Untergangsszenarien hineinsteigern, aber lange mit ihnen leben können wir nicht. Am Ende siegt der Optimismus oder der Fatalismus, was in beiden Fällen dazu führt, dass die Krise viel von ihrem Schrecken verliert.

Bullen und Bären rinnt derzeit gleichermaßen die Zeit wie Sand durch die Finger. Wollen die institutionellen Käufer das Jahr mit einem höheren, möglicherweise sogar fünfstelligen DAX-Stand abschließen, wird es Zeit, das Projekt ‚Anstieg‘ in Angriff zu nehmen.

Für die Bären ist der Zeitdruck kaum geringer. Wollen Sie nicht ewig auf die von ihnen erhoffte Korrektur warten, kann man sich nicht damit zufriedengeben, dass man den DAX daran hindert, weiter zu steigen.

Entschiedenere Maßnahmen und Kursverluste sind erforderlich, soll der Plan nicht scheitern, bevor das Weihnachtsfest in einigen Wochen sämtliche Liquidität aus dem Markt nimmt. Die Zeit des Wartens und der Unentschiedenheit könnte deshalb schon bald zu Ende gehen, möglicherweise schon nach dem Wochenende.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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