Warten auf die Entscheidung

Bernd Heim
By Bernd Heim / 17. November 2014

Als er die Nase voll hatte, ließ er alles stehen und liegen, stieg ins Flugzeug und flog nach Hause. Die Rede ist natürlich vom russischen Präsidenten Vladimir Putin, dessen vorzeitige Abreise vom G20-Gipfel in Australien dem Treffen der Staats- und Regierungschefs eine besondere Würze gab.

In der Welt der Diplomaten mit ihrer geschliffenen Sprache, die oftmals mehr verschleiert als klar benennt, ist dies eine Ansage, die aufhorchen lässt. Es scheint, als habe sich der russische Präsident auf dem Gipfel einiges anhören müssen und Sturm geerntet, nachdem er zuvor Wind gesät hat, indem er einige Schiffe seiner Marine in internationalen Gewässern vor Australien kreuzen ließ.

Dass der Westen, allen voran die australischen Gastgeber, auf dieses Flottenmanöver nicht gut zu sprechen waren, versteht sich von selbst. Aber auch andere Staats- und Regierungschefs müssen ihr Missfallen bekundet haben, denn die vorzeitige Abreise eines Gipfelteilnehmers ist nicht nur Ausdruck einer massiven Verärgerung, sondern auch ein Symbol für die „Einsamkeit“ während der Zusammenkunft.

Gibt es noch etwas zu besprechen, haben die Verhandlungen noch Aussicht auf Erfolg, braucht man nicht abzureisen, schon gar nicht vorzeitig. Im Gegenteil: Viele Politiker werden sich eher für verlängerte Verhandlungen als für eine vorzeitige Abreise entscheiden.

Es beginnt mit Sprachlosigkeit, später sprechen dann die Waffen

Am letzten Wochenende ist damit auch für Außenstehende, die keinen Einblick in die geheimen Unterlagen der Regierungen haben, deutlich geworden, wie verfahren die Situation bereits ist. Der geopolitische Machtkampf zwischen Russland und dem Westen geht nicht nur weiter, er droht sogar eine neue, schärfere Form anzunehmen.

Kurzfristig wird der Gipfel keine Auswirkungen haben. Noch benötigt jede Seite Zeit, sich in eine vorteilhafte Ausgangsposition zu bringen. Die NATO ist noch in Afghanistan gebunden und Vladimir Putin muss innenpolitisch die Konsequenzen der westlichen Sanktionen auffangen und sich außenpolitisch Verbündete oder doch zumindest wohlwollend neutrale Länder suchen, damit das Abenteuer ‚Auseinandersetzung mit dem Westen‘ nicht zu abenteuerlich endet.

Derweil nutzen alle Beteiligten die verbleibende Zeit, sich intensiv auf alle möglichen Eventualitäten vorzubereiten, vom winterlichen Gaskrieg über verschärfte Sanktionen bis zum militärischen Schlagabtausch.

Noch stört sich die Börse nicht daran, dass Kanonenbootpolitik im Stil des 19. Jahrhunderts betrieben wird oder wechselseitig Diplomaten ausgewiesen werden, die einen, weil sie spioniert haben, die anderen als Retourkutsche aus Prinzip. Aber wenn selbst in den noch recht guten deutsch-russischen Beziehungen jetzt solche Nadelstiche gesetzt werden müssen, dann zeigt das nur, wie weit man sich schon auseinandergelebt hat.

Aufgewacht wird später

Für die Börse sind die internationalen Muskelspiele derzeit noch kein Thema. Der Markt genügt allein sich selbst. Der Traum vom ewigen, billigen Geld ist zwar vorläufig ausgeträumt, aber solange die FED nicht signalisiert, dass der Aufschlag auf dem harten Boden der Realität unmittelbar bevorsteht, wird weiter gefeiert. Russland und die Ukraine sind weit entfernt, außerdem vergleichsweise unwichtig und deshalb bis auf Weiteres auch kein Thema für die Anleger.

Kriege beginnen und enden vorzugsweise im Frühjahr oder im Herbst und einem Beginn geht in der Regel eine Phase der Eskalation voraus. Ist jemand diesseits oder jenseits der noch nicht erklärten Front gewillt, das Thema im kommenden Frühjahr wieder aufzugreifen und einer wie auch immer gedachten Klärung zuzuführen, wäre es ebenso angebracht wie naheliegend, die Phase der Eskalation kurz nach dem Jahreswechsel beginnen zu lassen. Das ist das Damoklesschwert, das über der aktuellen Situation schwebt und schon in Kürze auf uns niedergehen könnte.

Genießen wir die Tage der Sorglosigkeit und Unbekümmertheit, solange sie noch andauern. Sollte die Welt eines Morgens aufwachen und irritiert feststellen, dass die Sprachlosigkeit des G20-Gipfels vom letzten Wochenende einer allgemeinen Kommunikationsarmut gewichen sein, werden das Entsetzen und die Panik groß sein.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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