Kursrecyceling und Langeweile für Fortgeschrittene

Bernd Heim
By Bernd Heim / 18. November 2014

Zugegeben: Eindrücke sind etwas sehr Subjektives, aber immer wenn ich das Gefühl habe, der Markt stehe kurz davor sich klarer für die eine oder andere Richtung zu entscheiden, kommt irgendein Zeitgenosse daher, gibt seine Einschätzung oder die der Organisation, für die er tätig ist, zum Besten und treibt die Kurse sogleich wieder in die Gegenrichtung.

Am Montag war es EZB-Präsident Mario Draghi einmal mehr vergönnt, zum Auslöser einer kleinen Aufwärtswelle zu avancieren. Seine Andeutung, das Repertoire der Europäischen Zentralbank beinhalte noch weitere Möglichkeiten zur finanziellen Stimulation, die bislang noch nicht ausgeschöpft worden seien, reichte aus, um einem ohnehin im Steigen begriffenen DAX Flügel zu verleihen.

Als Resultat dieses unverhofften Kunstfluges stehen wir nun wieder in einer Region, die wir erst vor wenigen Tagen aufgegeben haben. Es scheint, als recycele der DAX alte Kurse und Widerstandsmarken wie andere Leute Plastik und Rohstoffe.

Aber wo wir gerade bei Polymeren und anderen Kohlenstoffverbindungen sind: Schon heute oder morgen wird sich zeigen, ob die Flügel, die der EZB-Präsident unserem verehrten Leitindex verliehen hat, aus Wachs oder aus festeren Materialien gefertigt sind.

200 Tage Kampf und Krampf an der 200 Tage-Linie?

Handelt es sich um die Wachsversion dürften sie schon in Kürze an den alt bekannten Widerständen dahinschmelzen wie Eis in der Sonne und die Anleger mit ‚Ikarus-DAX-Reisen‘ gleich wieder in die Tiefe schicken.

Erweisen sie sich hingegen als belastbarer, könnte vielleicht endlich der Anstieg über die 200 Tage-Linie gelingen. Nun ja, Sie merken es an der euphorischen ‚vielleicht endlich‘-Formulierung: Große Hoffnungen auf den endgültigen Befreiungsschlag mache ich mir gerade nicht.

Gefühlsmäßig bin ich ohnehin schon auf dem ‚Seitwärts in der Endlosschleife-Trip‘ angekommen. Aber wie gesagt, Eindrücke und Gefühle sind etwas sehr subjektives und deshalb nicht unbedingt belastbar und verallgemeinerungswürdig.

Wir kennen dieses Phänomen ja auch aus anderen Bereichen. Wenn es zwei oder drei Wochen am Stück regnet und dunkle Wolken die Sonne permanent verdecken, kommt irgendwann der Punkt, an der auch der optimistischste Zeitgenosse nicht mehr an einen Wechsel der Großwetterlage glauben mag.

Nicht immer die Vergangenheit stur in die Zukunft fortschreiben

Interessanterweise ist aber gerade in diesen Situation das Ende des Tunnels oftmals schon sehr nahe. Zwar sieht man noch kein Licht, hat aber dennoch das Gröbste hinter sich, ohne es zu ahnen oder gar zu wissen.

Leider führt der Umkehrschluss auch nicht immer zu guten und brauchbaren Ergebnissen, denn allein aus dem Vorhandensein des Gefühls auf das nahe Ende der gegebenen Situation schließen zu wollen, ist auch gefährlich, weil unser Zeitempfinden alles, nur kein verlässlicher Maßstab ist, auf den man sich immer und in jeder Situation unbedingt verlassen kann.

Der Wandel kann in der Tat sehr nahe sein und sich vielleicht auch schon morgen vollziehen. Doch gewiss ist das nicht. Es kann auch alles noch viel, viel länger dauern. Also nichts auf seine Gefühle geben, weil sie uns am Ende doch nur täuschen?

Nicht unbedingt. Gefühle sind in der Tat kein Einstiegssignal, denn selbst wenn ich als Anleger über hellseherische Fähigkeiten verfüge und in meinen Fingerspitzen deutlich spüre, dass sich die Seitwärtsbewegung schon bald auflösen wird, heißt das noch lange nicht, dass ich auch weiß, in welche Richtung dies geschehen wird.

Also lieber dem im Zweifel trügerischen Gefühl nicht trauen und darauf warten, dass sich im Chart ein Einstiegssignal herausbildet, das man anschließend mit einem guten Chance-Risiko-Verhältnis handeln kann.

Einschläfernde Gefühle als Mahnung zur Wachsamkeit

Trotzdem sind unsere Gefühle, diese unsicheren Kantonisten, sehr hilfreich und nützlich, denn richtig eingesetzt bewahren sie uns davor, schläfrig zu werden und uns vom Markt einlullen zu lassen.

Zwei oder drei Wochen oder Monate abwärts, aufwärts oder wie in unserem Fall seitwärts bedeuten eben nicht ‚immer‘ seitwärts. Früher oder später kommt der Wechsel von einer Richtung zur anderen.

Diese Momente nicht immer zu verpassen ist das Ziel. Dass man auch als engagierter Anleger bzw. Trader den einen oder anderen Wendepunkt übersehen und erst viel zu spät bemerken wird, ist geschenkt.

Es reicht schon, wenn man sich nicht immer vom Markt einschläfern lässt und auch dann noch wachsam ist, wenn andere längst davon ausgehen, dass sich ’nie‘ mehr etwas ändern wird.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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