Ist der Knoten endlich geplatzt?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 19. November 2014

Sportereignisse haben ihre eigene Dynamik und Dramatik. Nicht zuletzt deshalb werden sie vom Publikum so geliebt. Es hat einfach was, wenn der Läufer, der bei der Zwischenzeit noch weit abgeschlagen schien, plötzlich zu einem fulminanten Endspurt ansetzt oder das Team, welches das Hinspiel haushoch verloren hatte, im Rückspiel plötzlich seine Chance wittert und befreit aufspielt.

Zunächst wirken die Bemühungen meist unscheinbar und schwach. Erst mit der Zeit registrieren die Zuschauer, dass sich hier etwas Besonderes anbahnt. Etwas, das es wert ist, genauer betrachtet zu werden.       

Einmal in den Fokus des Publikums geraten, springt der Funke bald wieder auf den Sportler oder die Mannschaft über und es werden Kräfte mobilisiert und Leistungen abgerufen, die sonst nicht verfügbar gewesen wären.

Am Ende stehen ein System gegenseitiger Einflussnahme und die klassische Frage nach der Henne und dem Ei. Was war eigentlich früher? Wer hat wen mehr beeinflusst und angespornt, der Sportler das Publikum oder die Zuschauer den Athleten?

DAX mit überraschender Stärke

Im DAX könnte sich in den kommenden Wochen Ähnliches ereignen, wenn sich jene Entwicklung fortsetzt, die für die vergangenen beiden Handelstage charakteristisch war. Seit Wochen wirkte der deutsche Leitindex ausgesprochen träge und unentschlossen. Zogen die US-Börsen deutlich an, hinkte der Frankfurter Aktienmarkt der Entwicklung wie ein Fußkranker nur zögerlich hinterher.

Nicht so in dieser Woche. Während der Dow Jones am Montag und Dienstag gut 75 Punkte zulegte, sprangen die Notierungen im DAX gleich um mehr als 250 Punkte an. Vor dem Hintergrund der lange anhaltenden relativen Schwäche kommt die plötzliche Stärke des deutschen Aktienmarkts überraschend und manch ein Anleger wird sich sicher verwundert die Augen gerieben haben.

Strohfeuer oder echte Wende?

‚Unverhofft kommt so oft‘, sagen jetzt sicher die Einen und, ‚eine Schwalbe macht noch keinen Sommer‘, die Anderen. Womit die kurzfristig entscheidenden Aspekte grob skizziert sind.

Sollte die auffällige Schwäche des Index nun Geschichte sein, muss der DAX auch weiterhin gegenüber den US-Märkten Boden gutmachen, also schneller steigen als diese oder bei Korrekturen deutlich geringere Abgaben als die Wall Street verzeichnen.

Gelingt dies nicht, waren die Kurssprünge vom Wochenanfang nicht mehr als ein kurzes Strohfeuer. Nett anzusehen, aber ohne bleibende Nachwirkung auf den Markt und die grundlegende Einschätzung der Anleger.

Im Erfolgsfall hingegen könnte sich auf dem Börsenparkett die eingangs geschilderte Entwicklung aus dem Stadion wiederholen: Einmal auf die neue Stärke des deutschen Leitindex aufmerksam geworden, könnten die US-Anleger freie Liquidität nach Europa verschieben und damit selbst dazu beitragen, dass der DAX in nächster Zeit noch etwas schneller läuft.

Die Frage ist natürlich:

Ist so ein Verhalten realistisch?

Es wäre auf jeden Fall eine glatte Kehrtwende, denn bislang war das Credo der US-Investoren, dass ein gegenüber dem US Dollar fallender Euro, eigene Aktienpositionen in Europa entwertet, und bevor man zusieht, wie das passiert, verkauft man lieber schnell seine deutschen Aktien und holt sein Geld heim in die Staaten.

An der wiedergewonnenen Stärke der US-Wirtschaft gab es in den vergangenen Monaten wenig Zweifel. Sie sind auch jetzt noch nicht stark ausgeprägt, doch sie könnten schon bald am Horizont aufscheinen, denn die Stärke des US Dollars ist nicht ausschließlich ein Segen für die Amerikaner und ihre Wirtschaft.

Ein starker Dollar macht auch die Importe günstiger und könnte mittelfristig dazu führen, dass mehr im Ausland gekauft und weniger im Inland produziert wird, was die ‚Machtverhältnisse‘ wieder ein wenig umkehren würde.

Hinzukommt, dass nicht nur Russland und der Iran unter dem aktuell niedrigen Ölpreis leiden, sondern auch die amerikanische Fracking-Industrie. In diesem Sektor wachsen auch Amerikas Bäume nicht in den Himmel.

Man sieht sich zwar gerne als zweites Saudi-Arabien, vergisst dabei aber geflissentlich, dass die Produktionskosten vergleichsweise hoch sind. Wird das Rohöl zu billig, werden aus erträglichen Margen schnell unangenehme Verluste und der ganze Fracking-Boom ist schnell entzaubert.

Europa und Asien profitieren stärker vom billigen Öl

Die Profiteure des billigen Öls und der günstigen Rohstoffe sitzen mehrheitlich nicht in den USA, sondern eher in Ländern wie Deutschland und China. Hier wirken die gesunkenen Energie- und Rohstoffpreise wie ein von außen kommendes, die Wirtschaft stark förderndes Konjunkturprogramm.

Aus Börsensicht bedeutet dies, dass die Aussichten der besonders exportlastigen deutschen Industrie gar nicht so schlecht sind, wie zunächst angenommen. Das rechtfertigt nicht notwendigerweise höhere Kurse, ist aber auch kein Grund für eine lang anhaltende Underperformance der Aktien aus dem DAX gegenüber den Konkurrenten aus Dow Jones und S&P 500.

Noch ist es zu früh, aus zwei Tagen mit relativer Stärke gegenüber den US-Börsen auf eine anhaltende Aufholjagd schließen zu wollen. Doch es dürfte sicher nicht verkehrt sein, den Punkt im Auge zu behalten und in nächster Zeit etwas intensiver darauf zu achten, ob der DAX auch weiterhin eine relative Stärke an den Tag legen oder wieder in altbekannte Schwächemuster zurückfallen wird.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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