Negative Zinsen und eine Freiheit, die keine mehr ist

Bernd Heim
By Bernd Heim / 24. November 2014

Es war im Grunde nur eine Frage der Zeit, bis die negativen Einlagenzinsen der Europäischen Zentralbank auch bei den vermögenden Privatkunden und den großen Firmenkunden angekommen sind. Den Anfang machte eine kleine Bank aus dem Osten Deutschlands, deren Namen die meisten von uns zuvor wohl gar nicht gekannt haben werden.

Wichtiger als der Name, war die Erkenntnis, dass kein Aufschrei des Entsetzens durchs Land ging, als die Nachricht von den Strafzinsen auf zu hohe Einlagen erstmals die Runde machte.       

Die Kritik hielt sich in Grenzen und es war, als hätte die Bevölkerung längst mit einem Schritt in diese Richtung gerechnet. Man nahm die Nachricht zur Kenntnis wie die Ankündigung einer neuen Regenfront im Wetterbericht. Über diese kann man sich auch stundenlang aufregen. Besser wird das Wetter dadurch aber nicht.

Nun werden die großen Geschäftsbanken nachziehen. Damit ist der Damm endgültig gebrochen und Flut strömt ins Land. Noch fühlen sich viele Sparer nicht betroffen, weil die Regelung angeblich nur für die vermögenden Kunden gelten soll. Doch bleibt die Frage, ob das nicht wieder einmal viel zu kurz gedacht ist.

Dreht sich die Spirale nun immer weiter und schneller?

Zunächst einmal darf die Frage nicht unter den Tisch fallen, warum es wirklich nur bei den vermögenden Privat- und Firmenkunden bleiben soll. Einen plausiblen Grund dafür gibt es nicht, denn schließlich gilt die Volksweisheit ‚Kleinvieh macht auch Mist‘ auch für den „Bankenstall“ und die in ihm eingestellten Zucht- und Nutztiere.

Wundern Sie sich deshalb nicht, falls im November 2015 auch kleinste Spareinlagen mit einem negativen Zins bestraft werden. Wer jetzt innerlich aufschreit, das sei ungerecht, der hat zwar faktisch recht, nur stört das an den entscheidenden Stellen keinen mehr.

Schon die extrem niedrigen Zinsen waren und sind unangemessen, weil sie dem Zins seine Steuerfunktion nehmen. Er ist nicht mehr Ausdruck des mit einer Kapitalanlage verbundenen Risikos, sondern verkommt immer mehr zu einer Art Almosen für all diejenigen Zeitgenossen, die noch immer so dumm sind, Geld auf die Seite zu legen und Rücklagen bilden oder für schlechte Zeiten vorzusorgen.

Unser Geld bleibt, aber seine Botschaft ändert sich

Geld, das ist die neue „Botschaft“ dieses Jahres, ist kein Wertaufbewahrungsmittel mehr, sondern nur noch dazu da, möglichst schnell wieder ausgegeben zu werden. Damit verliert das Geld eine seiner wichtigsten Funktionen und der Konsumterror erreicht eine neue Qualität.

Der Selbstzweck des modernen Menschen wird darauf reduziert, fortlaufend Produkte zu kaufen, auch wenn er sie gar nicht braucht, weil die alte Waschmaschine die Wäsche immer noch tadellos wäscht und das alte Auto immer noch fährt. Auch ein vollkommen überflüssiges Telefonat erhält nicht dadurch mehr Sinn, dass es über ein hypermodernes, neues Smartphone geführt wird.

Bislang hatte der Konsument die Freiheit ‚Nein‘ zu sagen. Er konnte sich der Werbung und dem Drängen der Industrie entziehen, auf den sofortigen Konsum verzichten und zumindest einen Teil seines Geldes sparen.

Diese Freiheit will man ihm nun nehmen, wie man ihm zuvor schon etliche andere Freiheiten genommen hat – natürlich immer nur zu seinem eigenen Wohl. Wer will das bestreiten?

Wir alle sind nun zu einer Antwort aufgerufen

Was tun? Wie am Besten mit der veränderten Situation umgehen? Fragen wie diese stellen sich jedem in diesen Tagen, dem einen mehr, dem anderen weniger, und wir werden auch alle auf diese Frage antworten, denn auch nicht zu antworten ist eine Antwort, so wie nicht zu handeln auch eine Entscheidung und damit eine Form des Handelns ist.

Machen wir uns also nichts vor: Jeder Einzelne wird durch sein Tun und/oder durch sein Lassen zur Beantwortung dieser Frage beitragen und mitbestimmen, wie die Welt als Ganze auf diese veränderte Situation reagiert.

Verschiedene Antworten sind denkbar und nicht jede Lösung ist für jeden gleich gut geeignet. Für manche könnte es Sinn machen, die Sparkonten aufzulösen und das Geld im eigenen Tresor zu verwahren. Dort erwirtschaftet es zwar auch keine Rendite mehr, ist aber vor den Strafzinsen relativ sicher.

Ein großes Unternehmen, das relativ viel Liquidität vorhalten muss, um anstehende große Rechnungen sofort bezahlen zu können, kann diesen Weg nicht gehen. Hier wird man nach anderen Lösungen suchen und vielleicht im Ausland bei ausländischen Banken fündig werden.

Mit anderen Worten: Das ‚Hase und Igel‘-Spiel ist wieder einmal eröffnet und nun werden sich wie bei einem Schachspiel die Gegner belauern und ihre Züge setzen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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