Wenn die Kleinen plötzlich unvermutet ganz groß sind

Bernd Heim
By Bernd Heim / 25. November 2014

‚Strafzinsen? Aber für mich doch nicht‘, mag in diesen Tagen so mancher kleiner Sparer denken und erleichtert feststellen, dass es hin und wieder auch mal von Vorteil sein kann, nicht zu den Großen zu gehören, die in diesem Fall angeblich alleine bluten.

Leider haben die meisten Anleger, die so denken, ihre Rechnung ohne den Wirt, in diesem Fall ohne ihre Fonds und Lebensversicherungen gemacht. Denn auch wenn sie nur kleine vier- oder fünfstellige Beträge auf der hohen Kante haben, zur Kasse gebeten werden sie trotzdem.

Hier wiederholt sich ein Fehler, der schon vor zwei Jahren bei der europäischen Bankenrettung gemacht wurde. Die neue Regelung, die damals im Zuge der Zypernkrise verabschiedet wurde, schützt angeblich die Privatanleger, indem sie die ‚kleinen‘ Sparer nur dann zur Kasse bittet, wenn diese mehr als 100.000 Euro auf der hohen Kante haben.

‚Trifft mich also nicht‘, wird sich so mancher europäischer Sparer damals schon gedacht und sich wieder seinen alltäglichen Sorgen und Nöten zugewandt haben. Doch auch hier war eher der Wunsch als das intensive Nachdenken Vater des Gedankens, denn die europäischen Staats- und Regierungschefs sorgten nach der Krise dafür, dass die Kleinen über ihre Fonds und Lebensversicherungen doch zur Kasse gebeten werden, sollte einmal eines der Institute in eine nicht mehr korrigierbare Schieflage geraten.

In die Zange genommen

Wer heute noch spart und dies auf einem der klassischen Wege tut, der darf sich gleich doppelt in die Mangel genommen fühlen. Auf der einen Seite gibt es nicht nur keinen attraktiven Zins mehr, der das gestiegene Ausfallrisiko angemessen widerspiegelt, sondern es muss sogar noch Geld mitgebracht werden, soll das eigene Geld von einer fremden Bank – und sei es die Notenbank – kurzfristig in Verwahrung genommen wird.

Hohes Risiko und kein Ertrag oder gar noch Strafzinsen als Sahnehäubchen obendrauf und dann auch noch bei der Bankenrettung den Löwenanteil stemmen, es scheint, als bliebe dem durchschnittlichen Sparer zu Beginn des 21. Jahrhunderts aber auch rein gar nichts erspart.

Das kann leichter passieren, als vielen bewusst ist. Stellen Sie sich doch bitte einmal folgende Situation vor: Sie sparen, egal ob direkt bei der Bank oder mittelbar über einen Fonds oder eine Versicherung, erhalten kaum Zinsen für ihr Geld und müssen dann auch noch einen großen Teil ihrer Forderung abschreiben, weil die Banker auf das falsche Pferd gesetzt haben und nun auf einem hohen Berg wertloser Aktien und (Staats-)Anleihen sitzen.

Völlig undenkbar? Leider nicht. Natürlich werden Politik und Banken gleichermaßen bestrebt sein, alle bestehenden Zweifel zu beseitigen und derartige Horrorszenarien erst gar nicht öffentlich zu diskutieren. Doch ist das die Lösung? Verschwindet mein Problem wirklich, wenn ich den eigenen Kopf nur lang genug in den Sand stecke?

Vertrauen ist gut, eigenes Nachdenken besser

Wer schützt die Sparer, wenn das Unvorstellbare doch einmal Wirklichkeit werden sollte? ‚Der deutsche Staat‘, möchte man in einem Anflug von Panik und angeborener Obrigkeitshörigkeit im ersten Moment am liebsten rufen.

Leider schon wieder zu kurz gedacht, denn der Staat, das sind nicht die „Anderen“, sondern im Zweifelsfall bin ich es selbst. Nun, wenn ich über vermehrte Steuern und Abgaben mittelbar mein auf der Bank geparktes Vermögen schützen soll, warum gehe ich dann nicht gleich zur Quelle und schütze mein Geld dort, wo ich es am besten und auch am einfachsten tun kann?

Die Frage ist sicher berechtigt und sie beinhaltet beides, eine individuelle Logik und eine soziale Sprengkraft. Auf der Ebene des einzelnen Sparers kann es in Zukunft sehr wohl sehr richtig sein, sein Geld nicht mehr zur Bank zu tragen und es auch nicht mehr den Fonds und Versicherungen zu überantworten.

Was für den Einzelnen durchaus Sinn machen kann, ist für die Gesellschaft als Ganzes eine Handlung mit unüberschaubarer Sprengkraft. Denn: Weigert sich die Nation im großen Stil sowohl zu sparen als auch ihr Geld durch exzessiven Konsum zu verzehren, droht unserem Finanzsystem schnell Ungemach.

Gibt der moderne Geldadel selbst das Startzeichen zum neuerlichen Sturm auf die Bastille?

Unser Bargeldbestand reicht schon lange nicht mehr aus, um alle „Sichteinlagen“ sichtbar zu machen und dass unsere Papierwährungen reine Papiertiger sind und im Zweifelsfall nur auf Vertrauen basieren, sollte sich inzwischen auch herumgesprochen haben.

Die im Moment getroffenen Maßnahmen sollen eigentlich dazu beitragen das System zu stabilisieren. Aber tun sie das auf lange Sicht wirklich? Man kann darüber geteilter Meinung sein. So sehr, dass ein Teil der Akteure in Zukunft nicht mehr vertraut und damit über kurz oder lang das System als Ganzes zum Einsturz bringt.

Ich will jetzt an dieser Stelle nicht behaupten, dass es so kommt. Aber ausgeschlossen und völlig abwegig ist diese Vorstellung nicht. Jedes Krisenszenario sollte so angelegt sein, dass es auch mit dem ‚Nichtvorstellbaren‘ rechnet, denn es ist immer besser, sich gedanklich auf alle möglichen und unmöglichen Eventualitäten einzustellen, die am Ende zum Glück nicht Wirklichkeit werden, als von neuen Gegebenheiten unangenehm und unvorbereitet überrascht zu werden.

Insofern einmal konsequent bis zum Ende gedacht, könnte es sogar so sein, dass diejenigen, die sich jetzt anschicken mit harten Maßnahmen das morsche System zu retten, am Ende die sein werden, die das Signal zum neuerlichen Sturm auf die (Finanz-)Bastille gegeben haben.

Klingt irgendwie nach ‚verkehrte Welt‘, ist aber gar nicht so unrealistisch und utopisch, wie es im ersten Moment anmuten mag.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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