Wann endet die aktuelle Sturm und Drang Phase?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 26. November 2014

Seit der DAX den Widerstand bei 9.380 Punkten erfolgreich überwunden hat, rennt er und es scheint, als gäbe es für die Bullen augenblicklich gar kein Halten mehr. Die wochenlang selbst auferlegte Zurückhaltung ist ebenso verflogen wie die anfängliche Furcht vor einer lahmenden Wirtschaft, die sich noch im Oktober in deutlich niedrigeren Kursen niederschlug.

Die internationalen Geldströme haben den deutschen Aktienmarkt wiederentdeckt und nun wird in Frankfurt darauf gesetzt, dass der Mix aus niedrigen Energiepreisen und einem geringeren Außenwert der europäischen Gemeinschaftswährung die deutsche Wirtschaft wieder ordentlich in Schwung bringt.

Man mag es kaum glauben, schien doch ein Abgleiten in die Rezession noch vor gut vier Wochen eine unabwendbare Tatsache zu sein. Haben wir also etwas verpasst? Hat sich unsere kleine, überschaubare Welt in den letzten vier Wochen so stark gewandelt, dass heute nicht mehr gilt, was „damals“ noch die Gemüter beunruhigte?

Nun, geändert hat sich eher unsere Wahrnehmung als die tatsächliche wirtschaftliche Situation. Auch die Medien haben sich inzwischen auf die veränderten Kurse eingestellt. Sie bringen einen Nachrichtenmix, der im Vergleich zu den frühen Oktobertagen schon wieder deutlich positiver daherkommt. Womit sich erneut bestätigt, dass auf mittlere Sicht die Kurse die Nachrichten machen und nicht umgekehrt.

Vom einen Extrem ins andere

Börse ist einmal mehr diese nicht enden wollende Pendelbewegung zwischen den beiden Extremen ‚himmelhoch jauchzend‘ und ‚zu Tode betrübt‘. Im Moment schweben die Anleger wieder auf Wolke 17 und träumen bereits von ihrer unverzüglichen Weiterreise zu den Wolken 20 und 21.

Dass die obligatorische Jahresendrallye begonnen hat, sollte inzwischen auch der Letzte gemerkt haben und sich auch entsprechend positioniert haben, sodass sich fast zwangsläufig die Frage stellt, wer oder was den neuerlichen Sturmlauf des DAX jetzt noch aufhalten soll.

Vielleicht sind es ja die Anleger selbst, die sich im Wege stehen und in den nächsten Tagen darüber wundern werden, warum es plötzlich nicht mehr weitergeht. Der DAX ist in der Tat weit gekommen, viel weiter als so mancher Pessimist es erwartet hat. Doch unbeabsichtigtes Stolpern vor dem Ziel hat schon so manchem Läufer den sicher geglaubten Sieg gekostet.

Die Masse der Investoren liegt gerne falsch

Die Gefahr für den deutschen Aktienindex ist wieder einmal mehr eine psychologische als eine fundamentale. Es sind bereits sehr viele Marktteilnehmer optimistisch, einige sogar regelrecht euphorisch. Dass wir im Dezember wieder fünfstellige DAX-Stände sehen werden, scheint ebenso ausgemacht zu sein wie die Annahme, dass auch der Dezember noch massiv von der angelaufenen Jahresendrallye profitieren wird.

So gesehen sollte also inzwischen jeder, der einigermaßen bei Verstand ist, Aktien gekauft haben. Nur wer kauft dann jetzt noch und ist damit für die allseits erwarteten Anschlusskäufe verantwortlich?

Hier könnte der Markt schnell Opfer seines eigenen Überschwangs werden und an den vor uns liegenden Widerständen zu straucheln beginnen. Bis auf 80 Punkte ist der Index am Dienstag wieder an die runde 10.000 Punkte-Marke herangelaufen. Sie ist immer noch ein lohnendes Ziel, wenn auch nicht mehr ganz in der Art und Weise vom Sommer, als es darum ging, diese Grenze erstmals zu überwinden.

Geschlossen hat der Index im Bereich von 9.860 Punkten. Das ist exakt das Niveau, das der deutsche Leitindex unmittelbar nach dem großen Verfallstag im September angelaufen hat und seinerzeit nicht überwinden konnte.

Trendbruch oder neuerlicher Rückfall?

Zu erwarten, dass dieser Ausbruch jetzt gleich im ersten Anlauf gelingt, ist sehr ambitioniert. Ein erneutes Scheitern am aktuellen Kursniveau wäre deshalb nicht verwunderlich.

Gegen einen sofortigen Durchmarsch spricht, dass auch wichtige US-Indizes, insbesondere der S&P 500 und der NASDAQ100, an den oberen Kanten ihrer Trendkanäle angekommen sind. Viel Luft nach oben besteht regulär damit nicht mehr.

Helfen würde allein ein Ausbruch über die Trendkanalbegrenzungen. Dieser wäre natürlich ein extrem bullisches Signal, das auch dem DAX sicher dazu verhelfen würde, erneut in fünfstellige Kursregionen vorzustoßen.

Ob es tatsächlich gesetzt wird, dürfte sehr stark von der allgemeinen Stimmung abhängen. Für diese wird das nun beginnende Weihnachtsgeschäft sehr bedeutend sein.

Gute oder schlechte Zahlen aus dem Einzelhandel in den USA könnten deshalb am nächsten Wochenende leicht das Zünglein an der Waage sein und mit darüber entscheiden, ob die laufende Sturm- und Drangphase der Käufer weitergeht oder die Party wieder einmal vorzeitig endet.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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