Die Hektik hat ein paar Tage Pause

Bernd Heim
By Bernd Heim / 27. November 2014

Da die Amerikaner sich heute ihren Truthähnen und morgen den Weihnachtseinkäufen widmen, dürfte sich das Geschehen am deutschen Aktienmarkt heute und morgen in eher ruhigen Bahnen bewegen. Impulse von der Wall Street wird es erst am Montag wieder geben, sodass die Handelswoche bereits so gut wie abgeschlossen ist, obwohl noch immer zwei volle Handelstage ausstehen.

Der gestrige Tag brachte vermutlich schon einen Vorgeschmack auf den heutigen und den morgigen Handel. Obwohl eine ganze Reihe von Konjunkturdaten veröffentlicht wurde, waren die Tagesschwankungen vergleichsweise gering. Noch vor Monatsfrist waren wir ganz andere Ausschläge gewohnt.

Ist das jetzt ein gutes Zeichen oder doch eher ein schlechtes Omen? Die Antwort auf diese Frage hängt vermutlich sehr stark auch vom Zeithorizont ab, den man im Blick hat, während man nach einer Antwort sucht.

Kurzfristig ist die geringe Volatilität positiv zu werten. Der Markt hat sich deutlich beruhigt und es scheint, als würden die Anleger wieder deutlich gelassener auf die Nachrichten reagieren, die täglich neu auf sie einströmen.

Tritt man jedoch einen Schritt zurück und betrachtet das Marktgeschehen aus einer etwas größeren Distanz können jedoch auch Zweifel an der demonstrativ zur Schau getragenen Gelassenheit der Investoren aufkommen, denn die gestern vermeldeten Konjunkturdaten, fielen überwiegend schlechter aus als erwartet.

Ignoriert der Markt zukünftige Gefahren?

Sie bargen damit das Potential für Enttäuschungen. Diese wurde allerdings in New York und Frankfurt nicht in Form von übereilten Verkäufen ausgelebt. Wer es positiv sehen will, erkennt darin die gewachsene Überzeugung der Marktteilnehmer, dass der Markt im Dezember auch dann weiter steigen wird, wenn es außer dem vielen billigen Geld und der ominösen Wunderwaffe ‚Jahresendrallye‘ keinen anderen echten Grund zum Feiern geben sollte.

Kritische Geister werden eher den Kopf schütteln und zu der Annahme neigen, dass die fortgesetzte Ignoranz gegenüber der fundamentalen wirtschaftlichen Wahrheit nur die Fallhöhe erhöht, von der die Börsen in Kürze in die Tiefe hinabstürzen werden.

Normalerweise müsste eine Gruppe mit ihren Ansichten vollkommen falsch liegen, doch ironischerweise haben beide Ansichten ihren Charme. Kurzfristig könnte es den Indizes in der Tat gelingen, sich auf erhöhten Niveaus festzusetzen und Ende Dezember freundlich aus dem Kalenderjahr 2014 zu verabschieden.

Mittel- bis langfristig ist aber noch keineswegs ausgemacht, dass es auch in 2015 zu weiteren Kursgewinnen kommen wird. Zwar neigen wir Menschen dazu, die aktuelle Situation 1:1 in die Zukunft fortzuschreiben, was im Augenblick dazu führt, dass Sie mehr Prognose lesen werden, die mit Zuversicht auf das Jahr 2015 blicken, doch spätestens Mitte Januar werden die Karten wieder neu gemischt.

2015 wird nicht einfach die Fortschreibung von 2014

Dann werden auch die Ergebnisse zum Weihnachtsgeschäft vorliegen und es wird sich gezeigt haben, ob der jüngste Trend am US-Arbeitsmarkt nachhaltiger Natur ist. Die Zahl der Anträge auf Arbeitslosenunterstützung ist wieder gestiegen. Das deutet auf eine sehr vorsichtige und von Zurückhaltung geprägte Haltung der US-Unternehmen hin.

Für die Zeit kurz vor Weihnachten, in der in den USA traditionell viele kurzzeitige Beschäftigungsverhältnisse geschaffen werden, ist diese Entwicklung eher untypisch. Sie könnte also auf eine Trendwende am Arbeitsmarkt hindeuten, wenn sie sich denn in den nächsten Wochen bestätigen sollte.

Noch ist es zu früh, um eine eindeutige Aussage zu machen, doch Mitte Januar dürften die Anleger in zumindest diesem Punkt etwas klarer sehen. Dann könnte sich schnell Ernüchterung breitmachen und die traditionelle Euphorie vom Jahresanfang rasch wieder verpuffen.

Der Truthahn, der heute noch schmeckt, könnte manchem Anleger dann regelrecht im Halse stecken bleiben. Aber so weit sind wir noch nicht. Heute und morgen wird erst einmal geruht und für das Fest der Feste fleißig eingekauft.

Am Montag werden dann die ersten Berichte über das diesjährige Weihnachtsgeschäft analysiert und anschließend die Frage entschieden, ob die Musik noch einmal aufgedreht und die Party verlängert wird. Ich weiß, der Januar kommt schnell, aber bis dahin ist noch viel, viel Zeit.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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