Wer keine Sorgen hat, der macht sich welche

Bernd Heim
By Bernd Heim / 10. Dezember 2014

Es könnte alles so schön sein: Das Jahr 2014 liegt in seinen letzten Zügen, die Kurse steigen, die Jahresendrallye läuft und ein neues Allzeithoch wurde auch ganz nebenbei ausgebildet. Doch so richtig Freude aufkommen will auch nicht unter den Anlegern. Man ist nervös und unruhig und sorgt sich im Zweifel lieber zu viel als zu wenig. Man kann ja schließlich nie wissen.

Am Dienstag mussten schlechte Konjunkturnachrichten aus China und die Sorge vor einer Zinserhöhung in den USA, die rascher kommen soll, als es die meisten Anleger bislang erwartet haben, dazu herhalten, die die Abwärtsbewegung des Tages zu erklären.      

Im Hintergrund lassen die monatlichen Arbeitsmarktdaten aus den USA grüßen, die in der Vorwoche für den Geschmack der meisten Analysten etwas zu gut ausgefallen sind. Weil der boomende Arbeitsmarkt auf eine starke Wirtschaft deutet, so die jetzt am Markt herumgereichte Begründung, könnte die US-Notenbank sich veranlasst sehen, ihre Zinssätze schneller anzuheben als allgemein erwartet.

Steigende Zinsen, auch das weiß so gut wie jeder Anleger, sind Gift für den Markt, und da die Börse die Zukunft bekanntlich vorausnimmt, verkaufen jetzt voreilig schon einmal alle, damit man auch ja als Erster zur Türe herauskommt, wenn innen jemand Panik schiebt und laut ‚Feuer‘ schreit.

Was sage ich, wenn ich eigentlich nichts zu sagen habe?

Bevor wir uns dem Argument als solchem zuwenden, lassen Sie uns noch kurz einen Blick auf das Leben, konkret das Arbeitsleben, eines klassischen Bankanalysten werfen. Man wurde eingestellt, weil man den Markt oder einzelne Unternehmen genau analysieren und die Zukunft am besten treffend vorhersagen soll.

Dazu gibt es ein gutes Gehalt verbunden mit der Bitte, hin und wieder auch mal eine Analyse zu schreiben, die mehr Ausdruck des Interesses des eigenen Arbeitgebers ist als Zeugnis der ureigenen Markteinschätzung. Außerdem wird erwartet, dass man immer und zu jeder Zeit zum Markt eine Meinung hat, auch wenn man gerade mal keine hat, weil die hysterische Lady namens ‚Börse‘ sich zufälligerweise gerade wieder von ihrer unberechenbaren Seite zeigt.

Nun stellen Sie sich bitte einmal folgende, vollkommen fiktive, Situation vor: Sie kommen eines Morgens, reichlich unausgeschlafen in ihr Büro, machen sich Gedanken über einen reichlich unentschlossenen Index, den wir jetzt der Einfachheit halber einfach mal DAX nennen wollen, und der schon seit Monaten nicht so richtig zu wissen scheint, wo er den langfristig hin will, und erhalten überraschend Besuch von ihrem Chef.

Der erklärt ihnen, dass in der nächsten Woche der dreifache Hexensabbat ansteht und es für ihre Bank von Vorteil wäre, wenn eine besonders große Longposition am Verfallstag nicht im Plus abgerechnet wird. Ihr Chef will Sie zwar nicht in ihrer täglichen Arbeit beeinflussen, aber er bittet Sie, nach Gründen zu suchen, die in der aktuell gegebenen Situation dafür sprechen könnten, dass der Index nicht weiter steigt.

Nun die Preisfrage: Was machen Sie, nachdem Ihr Chef gegangen und die Bürotüre hinter sich geschlossen hat? Analysieren Sie den Markt als wäre nichts gewesen und als hätte es den Besuch des Chefs gar nicht gegeben, oder folgen Sie seinem subtil geäußerten Wunsch, weil Sie ein guter Angestellter sind und Ihren Namen bei der nächsten Kündigungswelle auf der Liste der Bleibenden lesen wollen?

Wie gesagt, eine fiktive Situation, ein reines Gedankenspiel, aber behalten Sie dies ruhig mal ein wenig im Hinterkopf, wenn wir uns jetzt den aktuellen Befürchtungen des Marktes zuwenden.

Wie sehr darf eine Notenbank den Markt strapazieren?

Nehmen wir auch dazu einmal an, dass die US-Notenbank, die Lage ähnlich kritisch betrachtet wie das Heer der Finanzanalysten. Dann müsste jenseits des Atlantiks die Sorge vor einem Überhitzen der US-Wirtschaft jetzt recht groß sein.

Sie müsste sogar so groß sein, dass sie die ebenfalls immer vorhandene Sorge vor einem Verlust des Vertrauens des Marktes in die Entscheidungen der FED vollkommen in den Hintergrund drängt. Ausgeschlossen ist diese Konstellation nicht. Aber ist sie auch realistisch?

Was würde die US-Notenbank gewinnen, wenn sie die Zinsen nun hastig ein paar Wochen früher anhebt. Würde sie die ultimative Krise vermeiden? Würde die noch nicht lange mit der Führung der FED betraute, Janet Yellen, von diesem Schritt und der mit ihm zwangsläufig verbundenen Hektik eher profitieren oder könnte der Schritt geeignet sein, ihre Reputation zu beschädigen?

Für Politiker und ungeduldige Trader und Investoren sind sechs Wochen eine lange Zeit, in der viel passieren kann. Wahlkämpfe können gewonnen oder verloren werden und große Vermögen gemacht oder verspielt werden.

Aber für einen Volkswirt sind sechs Wochen ein eher überschaubarer Zeitraum. Was immer die Notenbank tut oder auch nicht tut, innerhalb von nur sechs Wochen sind die Konsequenzen der Entscheidung meist noch nicht in den Statistiken zu erkennen. Ein leichtfertig herbeigeführter Verlust an Vertrauen hingegen ist sofort spürbar.

Erinnerungen an den Oktober werden wach

Wir hatten in diesem Jahr im Oktober schon einmal die Situation, dass man der US-Notenbank eine besondere Eile beim Anheben der Zinssätze unterstellt hat, die nicht gerechtfertigt war und die doch die Märkte tagelang paralysiert hat.

Möglicherweise erleben wir in diesen Tagen kurz vor dem Verfallstag eine Fortsetzung dieser scheinbar unendlichen Geschichte. Ende Oktober sahen Janet Yellen und mit ihr die anderen FED-Gouverneure keine Veranlassung, ihre Glaubwürdigkeit leichtfertig aufs Spiel zu setzen und das QE-Programm schneller als erwartet auslaufen zu lassen.

Dass jetzt im Dezember plötzlich alles anders sein soll, kann ich mir nur schwer vorstellen. Sollte die FED wirklich Grund haben hektisch zu werden, dann wird der DAX schon bald nicht nur 200 Punkte am Tag, sondern 200 Punkte in einer Stunde verlieren, denn dann ist die Lage nicht nur ’schlecht‘, sondern ‚wirklich schlecht‘.

Hat die US-Notenbank aber keinen Grund übereilte Maßnahmen zu beschließen, dann sollten wir uns fragen, ob es wirklich die Ängste vor der nächsten Notenbanksitzung waren, die den DAX am Dienstag so deutlich in die Tiefe schickten.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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