Enttäuschung im Bullenlager

Bernd Heim
By Bernd Heim / 11. Dezember 2014

Wer am Ende der letzten Woche, als der DAX sein neues Allzeithoch ausbildete, prozyklisch long gegangen ist und auf steigende Kurse gesetzt hat, dem dürfte die Vorweihnachtszeit in dieser Woche nicht so viel Freude bereiten. Zumindest ist von adventlicher Glühweinromantik an der Börse derzeit gar nichts zu spüren.

Hier ist eher Lawinenwarnung angesagt, nachdem der DAX gestern bis auf 9.800 Punkte zurückgefallen ist. Während des Handelsverlaufs ging es sogar noch ein Stück tiefer, aber die wichtige horizontale Unterstützung bei 9.775 Punkten hat zunächst gehalten.

Ob sie auch weiterhin verteidigt werden kann, ist eine der spannendsten Fragen dieser Woche. Gelingt dem DAX im Bereich zwischen 9.775 und 9.800 Punkten die Wende, wäre ein erneuter Anstieg und damit ein zumindest teilweiser Ausgleich der Verluste der letzten Tage möglich.

Es liegt auf der Hand, dass die Masse der Käufer dieses Szenario bevorzugen wird, lässt es doch eine relativ schnelle Wiederaufnahme der Aufwärtsbewegung möglich erscheinen.

Was in diesen Tagen an Nachrichten, Gründen und Auslösern der Abwärtsbewegung herumgereicht wird, ist argumentativ eher schwach einzuschätzen. Gewichtige Gründe pflegen anders auszusehen.

Das bedeutet im Gegenzug, dass der DAX in diesen Tagen quasi grundlos zurückfällt, weil die Korrektur nach dem steilen Anstieg vom November mehr als überfällig ist. Mit anderen Worten: Die Korrektur kommt, weil es Zeit für eine Korrektur ist, und nicht, weil eine externe Nachricht die Anleger verunsichert hat und deshalb zum Startsignal für eine an sich überraschende Gegenbewegung geworden ist.

Neuschnee oder Lawinenabgang?

Zeitlich betrachtet ist die Korrektur noch sehr jung und auch auf der Preisebene wurde noch nicht so viel vom vorangegangenen Anstieg zurückgenommen, dass man im Brustton tiefster Überzeugung sagen könnte, es reicht, jetzt muss der Index drehen.

Nein, er muss nicht drehen, die Korrektur kann sich noch ausweiten, zeitlich wie preislich. Eine nur zeitliche Ausdehnung der laufenden Gegenbewegung dürfte den Käufern derzeit weniger Kopfzerbrechen bereiten als auch eine preisliche, denn unterhalb von 9.775 beginnt das ‚Land ohne Widerstände‘.

Bei der Aufwärtsbewegung hat der DAX die Zone zwischen 9.400 und 9.800 Punkten sehr schnell durchschritten. Die Bullen haben damals keine Gefangenen gemacht und nennenswerte Gegenbewegungen gab es im November nicht. Für uns heißt das heute im Gegenzug: Es gibt auch keine Unterstützungen, an denen eine Abwärtsbewegung jetzt auf natürliche Weise stoppen könnte.

Der DAX müsste quasi in der Luft hängend seinen Boden finden. Hochseilartisten mögen diese Aufgabe mit Bravour lösen können, aber ob das auch den im deutschen Leitindex engagierten Trader und Investoren gelingen wird, das möchte ich mal dahingestellt sein lassen.

Findet sich kein Boden, droht ein lawinenartiger Abrutsch bis in den Bereich von 9.400 Punkten. Noch ist nichts entschieden, aber da in der nächsten Woche die Sitzung der US-Notenbank und der dreifache Hexensabbat anstehen, dürfte die Entscheidung wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Nach dem Verfallstag werden die Karten wie immer neu gemischt und auch eine vorherige Lawine könnte sich dann schnell als Schnee von gestern erweisen, sollte den institutionellen Anlegern in den wenigen bis zum Jahreswechsel noch verbleibenden Handelstagen daran gelegen sein, die Kurse zu hegen und zu pflegen, damit sie sich 2015 in der Werbung besser machen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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