Scheitert die EZB mit ihrer Strategie an den Banken?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 12. Dezember 2014

Es gibt immer wieder Situationen, in denen man allein aus sich heraus nicht das erreichen kann, was man bewerkstelligen möchte. Man braucht die Hilfe der anderen und hat sogleich ein Problem, falls diese sich zieren oder nur halbherzig mitziehen.

Die von Mario Draghi geführte Europäische Zentralbank befindet sich momentan in einer derartigen Situation. Sie will erklärtermaßen die Inflation bekämpfen, nicht weil diese wie in Russland zu hoch ist, sondern weil sie eher zu niedrig ausfällt und zu viel Preisstabilität als schädlich empfunden wird.       

Zwar ist die EZB durchaus eine mächtige Institution, aber allein aus sich heraus ist auch sie nicht in der Lage, das umzusetzen, was sie sich vorgenommen hat. Soll der Markt mit billigem Geld geflutet werden, ist nicht allein die Zentralbank gefordert.

Die Geschäftsbanken müssen mitziehen. Sie müssen selbst Geld aufnehmen und es als preiswerte Kredite an die Wirtschaft und die privaten Kunden weiterreichen, damit der gewünschte Effekt entstehen und die Wirtschaft beflügelt werden kann.

So weit passend zum aktuellen Winterwetter die graue Theorie, doch die Praxis sieht in diesen Tagen noch ernüchternder aus. Es hat ein wenig den Anschein, als seien die Geschäftsbanken von der Idee der Europäischen Zentralbank, die Wirtschaft und die Privaten reichlich mit billigen Krediten zu versorgen, bei Weitem nicht so begeistert wie die Notenbank selbst.

Zurückhaltung ist auch eine Form der Ablehnung

Wäre es anders, würden die von der EZB bereitgestellten Kontingente von den Banken bereitwilliger angenommen und vollständig ausgeschöpft. Schon im September blieb die Nachfrage der insgesamt 306 europäischen Geldhäuser mit 82.6 Milliarden Euro hinter den Erwartungen der Zentralbank zurück. Die jüngste Tranche wurde mit 129.8 Milliarden Euro zwar etwas besser angenommen, blieb aber immer noch deutlich hinter den Erwartungen von 150 Milliarden Euro zurück.

Diese subtile Form der Verweigerung sollte Mario Draghi und seinen Kollegen im EZB-Direktorium eigentlich zu denken geben. Zwar erklärte EZB-Direktor Benoît Cœuré gestern das Instrument werde gut angenommen, die Nachfrage bewege sich im Rahmen der Erwartungen und sei auch über alle Länder gleich gut verteilt, dennoch hat die EZB Grund enttäuscht zu sein, denn die ursprünglichen Erwartungen sahen einen Rahmen von 400 Milliarden Euro vor.

Dieser wurde von den Banken nur etwas über die Hälfte ausgeschöpft. Ein Grund für die Zurückhaltung der Geschäftsbanken könnte sein, dass sie gezwungen sind, zumindest einen Teil der bei der Zentralbank aufgenommenen Gelder als Kredite an die Privat- und Geschäftskunden weiterzugeben. Für die Banken bedeutet dies, sie müssen ins Risiko gehen und dieses Risiko scheint man im Moment ein wenig zu scheuen.

Einfacher wäre es gewesen man hätte die Gelder günstig bei der EZB aufnehmen und anschließend in höher rentierlichen Staatsanleihen anlegen können. Den Bankbilanzen wäre damit sicher mehr geholfen worden, doch der Aspekt der Wirtschaftsförderung wäre dann schnell unter den Tisch gefallen und nur auf den Finanzsektor beschränkt gewesen.

Die Zurückhaltung der Geschäftsbanken drückt damit zweierlei aus: die Machtlosigkeit der EZB, denn diese kann die Pferde zwar zur Tränke führen, aber nicht zum Saufen zwingen und die Zweifel der Kreditinstitute an den zukünftigen Konjunkturaussichten.

 

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: