Krieg unter Freunden?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 16. Dezember 2014

Wem nützt der sinkende Ölpreis? Wer profitiert davon, wenn das Fass Öl weniger kostet als seine Produktion. Eigentlich niemand möchte man antworten, zumindest, wenn man die Seite der Produzenten im Blick hat. Gewinne macht kaum noch ein Unternehmen, und wenn sie doch noch anfallen, sind sie eher klein und unsicher, denn wer sagt uns, dass es mit dem Ölpreis nicht noch weiter abwärtsgeht?

Freuen können sich nur die Verbraucher. Wer in den Weihnachtsferien, eine lange Reise mit dem Auto plant, profitiert. Wer das Öl als wichtiges Vorprodukt für seine eigenen Waren benötigt, wie die chemische Industrie, freut sich auch und ein kalter, strenger Winter wird die Haushalte nicht ganz so stark belasten wie in anderen Jahren.

Was im ersten Moment verblüfft ist, dass die Produzenten dem Preisverfall scheinbar tatenlos zusehen. Es müsste doch eigentlich in ihrem ureigenen Interesse sein, schnell wieder Gewinne zu erzielen. Folglich sollte man bestrebt sein, den Ölpreis rasch wieder steigen zu lassen.

Doch diese klassische Sicht auf die Motive eines Anbieters greift in diesem Fall zu kurz. Es geht den Ölproduzenten nicht allein um die Frage, wer verdient wie viel Geld mit seinem Öl.

Im Hintergrund tobt ein handfester Verdrängungswettbewerb, man könnte durchaus auch von einem Krieg sprechen, denn der Tod des Kontrahenten, zumindest sein wirtschaftlicher Tod, wird nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern gezielt angestrebt.

Russland und Saudi-Arabien stehen sich näher als es den Anschein hat

Es ist zudem ein Krieg unter „Freunden“ oder zumindest Leuten, die offiziell so tun, als seien sie noch immer miteinander befreundet. Eine Zeit lang sah es so aus, als kämpfe Saudi-Arabien auf der Seite des Westens gegen Russland und den Iran.

Beide benötigen höhere Ölpreise, um ihre Staatshaushalte finanzieren zu können. Will Saudi-Arabien Russland und den Iran tatsächlich treffen, dann droht nicht nur eine harte, sondern auch eine lange, zähe Auseinandersetzung, denn die Art und Weise wie Russland, Saudi-Arabien und der Iran ihr Öl fördern ist weitgehend gleich.

Wir können an dieser Stelle die unterschiedliche Qualität der geförderten Ölsorten und das Faktum, dass die russischen Ölförderer deutlich höhere Produktionskosten haben, weil sie in sehr unwirtlichen, schwer zugänglichen Regionen fördern, für einen Moment außer Acht lassen. Diese Faktoren sind wichtig. Aber sie sind im Moment nicht das entscheidende Kriterium.

Allen drei Förderländern gemeinsam ist, dass sie das Öl auf konventionelle Art und Weise fördern und diese Förderung auch noch eine lange Zeit aufrechterhalten können. Wollen die Saudis tatsächlich die Russen und Iraner treffen, müssen sie sich auf eine lange Schlacht einstellen und können sich am Ende noch nicht einmal sicher sein, dass der ‚böse Konkurrent‘ am Ende das Feld auch wirklich räumt.

Schneller sind die USA aus dem Feld zu schlagen

Leichter und vor allem schneller aus dem Feld zu schlagen ist die noch relativ junge Fracking-Konkurrenz aus den USA. Sie hat erst vor wenigen Jahren das Feld neu betreten und sitzt damit im Gegensatz zu den alteingesessenen Produzenten nicht auf Bergen von Geld, die man jetzt unterstützend in die Schlacht werfen könnte.

Amerikas neues Wunderkind sitzt leider wieder einmal nicht auf Substanz, sondern in erster Linie auf einem Berg von Schulden. Das erinnert ein wenig an die Zustände auf dem US-Immobilienmarkt in der Zeit von 2004 bis 2007.

Außerdem sind die Produktionskosten vergleichsweise hoch, denn es muss ständig neu gebohrt werden. Wer auf konventionelle Art nach Öl bohrt, der hat zwar nicht mit jeder Bohrung Erfolg und findet, was er sucht, doch einmal fündig geworden sprudelt die Quelle verhältnismäßig lange.

Das ist beim Fracking anders. Schon nach einem Jahr verliert die Quelle 50 Prozent ihrer Förderleistung. Um das einmal erreichte Förderniveau zu halten, muss folglich ständig neu gebohrt werden. Ölförderung mittels Fracking ist also weniger eine Lizenz zum Gelddrucken als vielmehr ein ständiger Wettlauf gegen die Zeit.

Der Wettlauf ist zudem ein doppelter: Es müssen rechtzeitig neue Lagerstätten gefunden werden und zugleich muss das Öl gefördert und der Kredit zurückbezahlt sein, bevor der Ölpreis deutlich fällt. Die Masse der Produzenten, die mittels Fracking fördert, hat Produktionskosten zwischen 60 und 80 US Dollar je Barrel (159 Liter).

Die Branche taumelt bereits

Es scheint, als haben die saudischen Scheichs die amerikanische Konkurrenz in diesen Tagen gleichsam zum Abschuss freigegeben. Nicht nur die Vorstände der Fracking-Unternehmen dürften in diesen Tagen etwas schlechter schlafen.

Ihre Kreditgeber sollten es auch tun, denn eine Branche, die keine Gewinne mehr macht, wird Mühe haben, ihre Kredite zurückzuzahlen. Frisches Geld wird die Branche auch kaum in nennenswertem Umfang einwerben können, denn wer hat schon Lust Ölinvestments zu finanzieren, wenn der Preis für das schwarze Gold nur den Weg in den Keller zu kennen scheint?

Wollen die Saudis sich die störende Konkurrenz aus den USA vom Hals schaffen, müssen sie nur zweierlei tun: Den Ölpreis tief fallen lassen und ihn eine Zeit lang dort unten auf den tiefen Niveaus halten.

Je tiefer der Ölpreis fällt und je länger er unter den Produktionskosten bleibt, umso besser, denn mit den tiefen Preisen stirbt die liebe Fracking-Konkurrenz eines schnellen Todes und ein lange auf niedrigen Niveaus verbleibender Ölpreis wird auch den letzten Investor davon überzeugen, dass in dieser Branche garantiert kein Geld mehr zu verdienen ist.

Mit anderen Worten: Sollten die Saudis in diesen Tagen nicht gegen Russen und Iraner kämpfen, sondern die Schieferölförderung in den USA im Blick haben, dürfte der Trend beim Öl noch eine ganze Zeit lang eher abwärtsgerichtet sein und erst dann drehen, wenn das hochtrabende Gerede von den USA als einem neuen ‚zweiten Saudi-Arabien‘ endlich Geschichte ist.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: