Nur weil der Rubel wieder ein wenig steigt, ist die Gefahr noch nicht vorüber

Bernd Heim
By Bernd Heim / 18. Dezember 2014

Russland ist derzeit in aller Munde, so will es zumindest scheinen. Der Kursverlauf des Rubels, den normalerweise nur die auf die russische Währung spezialisierten Devisenhändler im Blick haben, findet nun auch auf dem Börsenparkett starke Beachtung.

Erinnerungen an die Krise von 1998 werden wach und von den Medien auch bewusst verstärkt, denn es ist doch nichts schöner und Aufmerksamkeit erhaschender als über eine neue handfeste Krise berichten zu können.

Bei Krisen gibt es naturgemäß immer Gewinner und Verlierer. Parktisch für die Medien ist, dass man bei Bedarf beide Gruppen, beliebig in die Pfanne hauen kann. Der einen Gruppe neidet man ihren Gewinn und betont, wie ungerecht dieser sei, und der anderen Seite hält man mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen ihre Unfähigkeit vor Augen, stempelt sie zu Dorftrotteln erster und zweiter Güte ab und berauscht sich anschließend an ihrem Leid und Missgeschick.

Auf der Strecke bleibt dabei die Erklärung der Hintergründe. Aber ich frage Sie, wer braucht schon Hintergründe, wenn er die öffentlichkeitswirksame Demontage einer ganzen Nation, ihrer Führung oder einer ihrer herausragenden Gruppen quasi auf dem Silbertablett serviert bekommt?

Während die westlichen Medien sich nun wieder auf Vladimir Putin einschießen und sich die Hände reiben, dass er nun endlich Sturm erntet, nachdem er zuvor Wind gesät hat, wird leicht übersehen, dass ein in die Enge getriebenes Tier noch nie ein angenehmer Nachbar in einem Raum ohne Tür und Ausweg war.

Innenpolitische Ablenkung durch außenpolitische Abenteuer?

Diese Beobachtung gilt nicht nur in der Zirkusmanege, sondern auch in der politischen Arena. Wer militärisch und/oder politisch nicht mehr viel zu verlieren hat, spielt leichter mit dem Feuer als jemand, der noch relativ viel zu verlieren hat.

Denken Sie an die Ardennenoffensive der Wehrmacht, Hitlers letzte Offensive, die vor 70 Jahren das Geschehen an der Westfront bestimmte, und besser unterblieben wäre, weil sie die letzten verfügbaren Reserven verbrauchte, oder an das besonders ‚kampfbetonte‘ Auftreten von Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Ende seiner Kanzlerschaft.

Sollte Russland unter Vladimir Putin oder einem anderen Führer zu einer ähnlichen Strategie greifen, dürfte an den Börsen schon bald das große Zittern beginnen, denn auf einen von gegenseitigen Gehässigkeiten und Nadelstichen geprägten Kleinkrieg mit dem Westen ist die Börse vorbereitet. Auf größere politische oder gar militärische Abenteuer jedoch nicht.

Ein schwankendes Russland, das in seiner Not zu einem solchen Mittel greift, dürfte im kommenden Jahr schnell wie ein dunkler Schatten über der weiteren Kursentwicklung schweben.

Trendwende oder Strohfeuer?

Gestern konnten sowohl der Rubel als auch der Ölpreis deutlich zulegen und wieder an Boden gewinnen. Von beiden Entwicklungen profitierten nicht nur die russischen Aktien, sondern auch die westlichen Indizes. Schnell machte sich eine entspanntere Stimmung breit. Doch ist diese wirklich berechtigt?

Die Gründe für den Ölpreisverfall haben sich noch keineswegs erledigt. Wenn die hier vor zwei Tagen vorgetragene These stimmt, dass Saudi-Arabien den Ölpreis gezielt fallen lässt, um die amerikanische Fracking-Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen, dürfte es sich bei der gestrigen Aufwärtsbewegung am Rohölmarkt nur um eine technische Gegenreaktion gehandelt haben.

Die Saudis haben der amerikanischen Fracking-Industrie zwar schon arg zugesetzt, ganz aus dem Feld geschlagen ist die lästige Konkurrenz jedoch noch lange nicht. Für die Scheichs am Golf bedeutet das die Notwendigkeit weiterhin fallender oder zumindest tiefer Ölpreise.

Was das im Gegenzug für die Russen bedeutet, dürfte sich auch den meisten Anlegern sofort erschließen. Ihr Staatshaushalt ist weiterhin in einer deutlichen Schieflage, weil die Gewinne und Steuereinnahmen aus dem Ölhandel fehlen. Spannend wird nun die Frage sein, wie Russland am Ölmarkt auf diese extreme Herausforderung reagieren wird.

Die amerikanische Fracking-Industrie hat zunächst in einem ersten Schritt ebenso auf die Krise reagiert, wie die Goldproduzenten auf den rückläufigen Goldpreis reagiert haben: Die eigene Produktion wurde zunächst sogar noch erhöht, um bei deutlich geringeren Margen zumindest gleich hohe Einnahmen zu generieren. Erst in einem zweiten Schritt werden neue Projekte zurückgestellt und bestehende Anlagen, die längst unrentabel geworden sind, geschlossen. Dieser Schritt steht in Masse immer noch aus.

Geht Russland aus reiner Verzweiflung oder reiner Notwendigkeit einen ähnlichen Weg, könnte das Überangebot am Ölmarkt sogar noch zunehmen, was für die Preise eine weitere Abwärtswelle und für den Rubel möglicherweise einen neuen Absturz ins Tal der Tränen bedeuten könnte.

 

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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