Schon wieder eine Sturmflutwarnung

Bernd Heim
By Bernd Heim / 30. Dezember 2014

Am Kamin oder neben der Heizung ist es recht warm, den Griechen droht in den nächsten Wochen heißer Wahlkampf und den Börsen ein ungemütlicher Tanz, denn da die griechischen Wähler der Verfassung entsprechend bis Anfang Februar an die Urnen gerufen werden müssen, wird das politische Geschick dieser kleinen Nation die ersten Wochen des neuen Jahres deutlicher bestimmen, als es wünschenswert wäre.

Lauscht man den Wahlforschern, bestehen am Sieg der sozialistischen Syriza Partei kaum mehr Zweifel. Deren Wahlprogramm liest sich wie ein Aufruf zur wirtschaftlichen Selbstverstümmelung: mehr Beamte, mehr Jobs, weniger Steuern und Abgaben und noch weniger Mitsprache von irgendwelchen ungeliebten Damen und Herrn in Brüssel, Frankfurt und Berlin.

Na dann mal gute Reise möchte man wünschen und die Griechen einfach ihren Weg gehen lassen, wären da nicht die Auswirkungen auf den Rest der Welt, vor allem den europäischen Teil unseres globalen Dorfes.

Der dürfte recht schnell wieder in unruhiges Fahrwasser geraten, denn auf dem Altar der griechischen Innenpolitik dürfte als Erstes die Legende von der angeblich gelösten europäischen Schuldenkrise geopfert werden.

Was das bedeutet oder bedeuten könnte, ist auch keine große Frage: Die Griechen selbst brauchen den Schuldenschnitt. Schon wieder – oder den nächsten – oder den endgültigen Schuldenschnitt – ganz wie Sie wollen. Nur verdrängen wird man das Problem dieses Mal wohl nicht mehr können.

Heute stehen wir am Abgrund, morgen sind wir einen Schritt weiter

Mit den zahlungsunfähigen Griechen geraten auch ganz schnell wieder die anderen unsicheren Kantonisten der Eurozone in den Blick. Ob zurecht oder zu unrecht, das sei einmal dahingestellt. Doch ihren Weg in die Schlagzeilen werden Iren, Portugiesen, Spanier und Italiener in den nächsten Wochen ganz sicher und ganz sicher auch ohne ihr aktives Zutun finden.

Wie dem DAX vor diesem Hintergrund ein positiver Handelsstart gelingen soll, der über einige Stunden oder Tage hinausgeht, bleibt ein Geheimnis an dessen Lösung sich die Frankfurter Händler in den kommenden Tagen versuchen können.

Der gestrige Handelstag gab trotz seines geringen Volumens schon mal einen ersten Hinweis darauf, wie der Spagat gelingen könnte: Im Vormittagsgeschäft wirkte die Nachricht von der notwendigen Neuwahl des Athener Parlaments noch wie eine Portion giftiger Pilze im Weihnachtsmenü: deplatziert und absolut ungenießbar.

Gut verdrängt ist halb gewonnen

Erst am Nachmittag beruhigten sich die Gemüter wieder etwas und dank freundlicher Vorgaben aus den USA setzte so etwas wie eine Art ‚Verdrängungsrallye‘ ein. Sie ließ den Index, der fast den ganzen Tag über im Minus gestanden hatte, am Ende sogar leicht im Plus schließen. So als hätten sich Händler und Investoren darauf verständigt, dass es am Ende schon nicht so schlimm kommen werde.

‚Verdrängungsrallye‘ ist übrigens ein gutes Stichwort und der gestrige Kursverlauf vielleicht sogar eine Art Blaupause für die kommenden Wochen. Beherrschen die Nachrichten aus Griechenland im Januar tatsächlich zu stark das Geschehen, dürfte den Weltbörsen insgesamt eine recht unruhige Achterbahnfahrt bevorstehen.

Sie könnte analog zum gestrigen Handelsverlauf in der Tat mit einer ansehnlichen ‚Verdrängungsrallye‘ enden, wenn man sich kurz vor dem griechischen Wahltermin wider besseres Wissen dennoch darauf verständigen sollte, dass es am Ende doch nicht so schlimm kommen wird.

Dabei kann jeder politische Beobachter an drei Fingern jetzt schon abzählen, dass die wirklich spannenden Fragen alle erst nach der Neuwahl des Athener Parlaments gestellt und beantwortet werden.

In diesem Sinn: Genießen Sie die Ruhe vor dem Sturm und kommen Sie gut ins neue Jahr. Und keine Angst: Die Krisen und die aus ihnen folgenden Börsenturbulenzen werden schon vor Ihnen oder mit Ihnen dort ankommen. Keine von ihnen bleibt im Jahr 2014 zurück.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: