12 Tote und keine nennenswerte Reaktion

Ich weiß nicht, was mich gestern mehr geschockt hat: Die Nachricht vom blutigen Terroranschlag in Paris oder der Blick auf die Charts nach dem Anschlag, denn eine nennenswerte Reaktion der europäischen Börsen auf das dramatische Geschehen in der französischen Hauptstadt gab es nicht.

Man könnte jetzt sagen, wir in Deutschland sind weit vom Schuss und unsere Freunde jenseits des Atlantiks interessieren sich ohnehin nur für das Geschehen in ‚Gods own country‘. Aber damit würden wir uns die Dinge ein wenig zu leicht machen.

Nicht einmal der französische CAC40-Index hat nennenswert gezuckt. Entweder leben und arbeiten die französischen Aktienhändler auf dem Mond oder ganz tief in der Provinz oder ihre Mobilfunktelefone waren kollektiv ausgeschaltet.

Der Intradaychart des CAC40 glich dem Kursverlauf des deutschen DAX wie ein Ei dem anderen und er lässt nicht erkennen, dass der gestrige Tag gewiss kein gewöhnlicher war. Überhaupt haben die Börsen in den vergangenen Jahren auf das Thema ‚Terror‘ immer verhaltener reagiert.

Das vermeintlich zynische Spiel mit dem Krieg

Aber sie haben zumindest noch reagiert. Das war gestern anders und es kann nicht an der sprichwörtlichen Unbekümmertheit der Finanzmärkte liegen, die bevorzugt dann zu steigen pflegen, wenn sich Krisen zu gewaltsamen Lösungen aufschaukeln.

Was einem Außenstehenden als blanker Zynismus erscheinen mag, wird verständlich, wenn man die Vorgeschichte kennt. Eine politische Krise belastet die Börsen und schafft immer mehr Unsicherheit. In ihrer Folge fallen die Kurse.

Greift dann eine der Konfliktparteien zu den Waffen und erklärt den Krieg, reagieren die Finanzmärkte sehr oft mit Erleichterung und steigen, denn die bislang herrschende Unsicherheit ist weg.

Man weiß jetzt wenigstens, dass sich Länder gegenseitig an die Gurgel gehen werden, und dass es Tote geben wird, aber man kann wenigstens auf den vermeintlichen Sieger setzen bzw. auf den Wiederaufbau nach dem Krieg traden.

Keine Reaktion ist auch eine Reaktion

Diese Börsenlogik ist gewiss nicht jedermanns Sache, aber man kann sie noch halbwegs nachvollziehen. Was gestern anders war, was den gestrigen Handelstag deutlich von vorangegangenen Krisen unterscheidet, war die überraschende Tatsache, dass die Krise, also die Zeit der Verunsicherung gar nicht stattgefunden hat.

Der Handel hat reagiert, als ginge ihn das alles gar nichts an. Oder etwas pointiert formuliert: ‚Wir Börsenhändler brauchen nur das billige Geld der Notenbanken zum glücklich sein. Wenn und solange wir das haben, ist uns alles andere egal. Auch wenn die Welt in Scherben fällt und es draußen Tote und Verletzte gibt. Was nicht innerhalb des Handelssaales passiert, zählt nicht.‘

Natürlich werden die Toten nicht wieder lebendig und wird auch der Schmerz der Verletzten nicht geringer, wenn die Börse innehält und zeitweilig den Rückwärtsgang einlegt. Das ist nicht der springende Punkt. Es geht nicht emotionale Nähe und Empathie. Beides sollte man von den Finanzmärkten nun wirklich nicht erwarten.

Aber eines schon: Dass man die Auswirkungen einer neuen Entwicklung oder eines veränderten Sachverhalts analysiert und antizipiert. Das kann man von den Börsen nicht nur erwarten, sondern das muss man auch von ihnen erwarten und diese Erwartung wurde gestern auf der ganzen Linie enttäuscht.

Wandelt sich der weltweite Terror zum globalen Bürgerkrieg?

Terrorismus ist normalerweise die Rache der ‚Kleinen‘ an den ‚Großen‘ und er ist in den letzten Jahren immer ungerichteter geworden. Während die Aktionen der RAF in Deutschland oder der ‚Roten Brigaden‘ in Italien sich in den 1970er und 1980er Jahren noch klar gegen den Staat und dessen Repräsentanten richteten, werden heute bevorzugt Sprengsätze an belebten Stellen gezündet und es trifft ungerichtet, die, die gerade das Pech hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.

Von diesem Terrorkonzept wurde gestern deutlich abgewichen. Es wurde gezielt eine Redaktion angegriffen, die man nicht nur verängstigen, sondern endgültig mundtot machen wollte. Ausgeführt wurde die Aktion nach ersten Einschätzungen von Experten von Terroristen mit ausgewiesener Bürgerkriegserfahrung.

Wir können und müssen wahrscheinlich auch davon ausgehen, dass ein Teil der legal oder illegal in Europa lebenden Bevölkerung der Meinung ist, dass man hierzulande Meinungsverschiedenheiten auf eine ähnliche Art und Weise regeln sollte wie in Syrien, in Nigeria oder im Irak.

Selbst wenn wir davon ausgehen, dass dieser Teil nur ein verschwindend kleiner Teil der europäischen Bevölkerung ist, ändert das nichts an der Tatsache, dass das „Konzept des Bürgerkriegs“ wieder an Europas Türe klopft, wenn nicht sogar schon im europäischen Haus angekommen ist.

Weitere Aktionen sind dann nur noch eine Frage der Zeit, und da Kräfte immer Gegenkräfte auf den Plan zu rufen pflegen, kann sich die Spirale der Gewalt leicht in heute noch unvorstellbare Höhen schaukeln. Eine beängstigende Vorstellung, ich weiß.

Und genau deshalb hat mich die Reaktion der Börsen gestern massiv gestört. Es ist nicht angemessen über die Auswirkungen einer Parlamentsneuwahl in Griechenland intensiv nachzudenken und die möglichen Konsequenzen in alle Richtungen zu prüfen und über den Anschlag in Paris mit Stillschweigen hinwegzugehen, als habe er gar nicht stattgefunden oder ohnehin keine Bedeutung.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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