Das Monatsende wirft bereits seine Schatten voraus

Bernd Heim
By Bernd Heim / 12. Januar 2015

Die entscheidenden Tage im Januar 2015 stehen zwar noch aus, doch im Grunde wissen bzw. ahnen wir jetzt schon, was auf uns zukommen wird. Von Mario Draghi und der EZB sind umfangreiche Käufe von Staatsanleihen zu erwarten und die Griechen dürften bei der Neuwahl ihres Parlaments am 25. Januar erwartungsgemäß, Alexis Tsipras, den Führer der Oppositionspartei Syriza, mit der Regierungsbildung beauftragen.

Die von den griechischen Meinungsforschungsinstituten veröffentlichten Umfragen und die im Vorfeld der EZB-Ratssitzung vom 22. Januar abgegebenen Interviews und Einschätzungen lassen kaum mehr einen Zweifel daran, dass die Entwicklung in der eingangs beschriebenen Richtung verlaufen wird.

Insofern scheint alles klar. Bleibt nur noch die Frage, was ändert sich nach dem 22. bzw. 25. Januar 2015? Vordergründig alles, faktisch dürfte aber vieles, wenn nicht gar alles beim Alten bleiben, denn auch, wenn die Gesichter und die getroffenen Maßnahmen neu sind: Die Probleme sind immer noch die gleichen.

Konkret heißt das: Alexis Tsipras wird vermutlich neuer griechischer Ministerpräsident werden und Sie als politisch gut informierter Zeitgenosse werden sich notgedrungen die Namen und die Gesichter der neuen griechischen Außen- und Finanzminister merken müssen, aber um den Kollegen aus dem Landwirtschaftsministerium brauchen Sie sich gar nicht erst zu kümmern. Bis Sie sich dessen Namen eingeprägt haben, hat die Krise vermutlich schon zu einer ersten Umbildung des Kabinetts geführt.

Neues Personal, alte Probleme

Bleiben die bekannten Probleme: Auch ein Alexis Tsipras kann an den hohen Schulden seines Landes nicht viel ändern, denn die sind einfach da und werden auch durch markiges Reden nicht weniger. Die ihm gegenüberstehenden Europäer müssen sich im Gegenzug damit abfinden, dass Griechenland beim besten Willen nicht bezahlen kann, was es eigentlich bezahlen müsste.

Was im ersten Moment nach einem endlosen Streit aussieht, wird vermutlich keiner werden, denn jede Seite benötigt gewisse Erfolge und sie benötigt sie erstens schnell und zweitens in einer Weise, die sie in der Öffentlichkeit das Gesicht wahren lässt. Damit ist die Basis für eine typisch europäische Kungellösung gleichsam schon gelegt, bevor eigentlich entschieden ist, wer sie am Ende aushandeln und unterschreiben muss.

Auch wenn jetzt Drohkulissen aufgebaut werden und Ausstiegsszenarien eifrig diskutiert werden, wird es am Ende wohl beim Status quo bleiben. Griechenland wird auch weiterhin Mitglied der Euro-Zone bleiben. Es wird sich bemühen zu sparen und an diesem Bemühen grandios scheitern und im Gegenzug dafür einige Schulden gestreckt oder ganz erlassen bekommen.

Also knapp formuliert: Nichts Neues unter der Sonne und eine Fortschreibung der Krise und eine Vertagung ihrer endgültigen Lösung auf die Unbestimmtheit der näheren oder ferneren Zukunft.

Die Staatsanleihenkäufe werden kommen, die Kaufzurückhaltung wird bleiben

Auf den Schlachtfeldern des europäischen Antideflationskriegs könnte es ähnlich zugehen. Auch hier dürfte, wenn sich der Nebel des Gefechts erst einmal verzogen hat, schnell deutlich werden, dass sich im Wesentlichen nichts geändert hat. Ein Grund für diese eher pessimistische Annahme ist die Ausgangsthese der Europäischen Zentralbank.

Die geht nämlich davon aus, dass Sie Ihren heutigen Konsum begrenzen, weil Sie die stille Hoffnung hegen, dass schon bald alles billiger werden wird. Also aus dem theoretischen Wolkenkuckucksheim in das reale Leben übertragen: Ihre Kaffee-, Spül- oder Waschmaschine ist zwar nicht kaputt und läuft noch einwandfrei, aber sie spielen dennoch mit dem Gedanken, diese durch eine Neuanschaffung zu ersetzen, stellen diesen Kauf aber immer weiter zurück, weil Sie gehört haben, dass eine Deflation droht und in Zukunft alles billiger wird.

Nun, nehmen wir den Preis einer neuen Waschmaschine mal mit 500 Euro und die zu befürchtende Deflation mit zwei Prozent an, dann reden wir über eine mögliche, aber noch keineswegs sichere, Ersparnis von gerade mal zehn Euro.

Willkommen im wirklichen Leben, Herr Draghi, möchte man sagen, oder wollen Sie mir jetzt erzählen, dass Ihre persönliche Entscheidung für oder gegen den sofortigen Waschmaschinenkauf von diesen zehn Euro abhängt?

Wird die Entscheidung, jetzt zu kaufen oder doch nicht zu kaufen, nicht von einem möglichen Deflationsgewinn beeinflusst, dann ist über kurz oder lang zu erwarten, dass das Bemühen der EZB, den Konsum durch die Nachfrage nach neuen Krediten und damit nach zusätzlichem Zentralbankgeld zu steigern, zum Scheitern verurteilt ist.

Die Börse wird sich über das frisch geschöpfte Zentralbankgeld sicher angemessen freuen, doch am Ende wird die Frage bleiben, was sollen wir mit dem vielen Geld, das keiner wirklich braucht und das abgesehen von den Kapitalmärkten auch keiner wirklich haben will?

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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