Eine Frage, zwei Meinungen

Bernd Heim
By Bernd Heim / 15. Januar 2015

Der DAX ist gestern wieder einmal gescheitert bei seinem Versuch, die runde 10.000 Punkte Marke anzusteuern und nachhaltig zu überwinden. Es gab den obligatorischen Rücksetzer auf das Ausbruchsniveau und nicht nur das. Der Index fiel auch wieder unter die Ausbruchsmarke zurück.

Damit setzt sich die Reihe unerfreulicher Fehlsignale munter fort und es scheint, als würde uns das ebenso unentschiedene wie unklare Rauschen um die psychologisch wichtige Frage, ob der DAX nun vier- oder fünfstellig ist, noch ein Weilchen erhalten bleiben.      

Einmal mehr hat sich jedoch wieder gezeigt, dass die Bullen unbedingt ein neues Allzeithoch ausbilden, also den Index nachhaltig über 10.080 Punkte treiben müssen, wollen sie die im Markt bestehenden Zweifel wirklich aus dem Weg räumen.

Darf sie oder darf sie nicht kaufen?

Zweifel daran, dass die Europäische Zentralbank in der kommenden Woche den Startschuss für ihr neues Ankaufprogramm für Staatsanleihen geben wird, bestehen am Markt kaum noch. Die Frage scheint nur noch zu sein, wie groß und umfangreich dieses ausfallen wird.

Dazu gab es gestern in Luxemburg vor dem Europäischen Gerichtshof eine interessante Nuance zu beobachten, die, wenn der Markt sich darauf einlassen sollte, in den kommenden Monaten durchaus zu vielen Spekulationen führen kann.

Generalanwalt Pedro Cruz Villalón hält die Absicht von EZB-Präsident Mario Draghi, die EZB verstärkt die Staatsanleihen von Krisenstaaten aufkaufen zu lassen, grundsätzlich für rechtmäßig. Bedingung sei, dass die Käufe gut begründet und verhältnismäßig seien. Außerdem habe sich die Europäische Zentralbank aus den Reformprogrammen, die für einen betroffenen Staat geschnürt werden, herauszuhalten.

Diese Aussage liest sich im ersten Moment wie eine Vorentscheidung zugunsten eines richterlichen Plazets für das beabsichtigte Programm. Da der Markt dem Kaufprogramm ohnehin sehr wohlwollend gegenübersteht und den Beginn herbeisehnt, wird die Börse zunächst einmal diese Sichtweise einnehmen und tendenziell eher Jubeln als Sorgenfalten auf der Stirn ausbilden.

Aber der Teufel steckt wieder einmal im Detail. Der europäische Generalanwalt kommt nämlich prinzipiell zu einem genau entgegengesetzten Urteil wie das deutsche Verfassungsgericht, das der Ansicht war, die EZB habe mit ihrem ‚Outright Monetary Transactions (OTM)-Programm‘ ihre Kompetenzen überschritten.

Endgültig entschieden wird erst im Herbst

Nun weiß jeder, der schon einmal einen Gerichtsprozess aus der Ferne beobachtet hat, dass auch ein leidenschaftliches Plädoyer des Staatsanwalts keine Garantie dafür ist, dass der Richter am Ende auch ein entsprechendes Urteil sprechen wird.

Streng genommen müsste man feststellen, dass es offenbar zu ein und demselben Sachverhalt bzw. Vertrag mal wieder zwei Meinungen gibt, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Da das Luxemburger Gericht vermutlich erst im Herbst sein Urteil sprechen wird, bleibt noch viel Zeit für Spekulationen und auch der jetzt noch zufriedene Markt könnte sich während des Frühjahrs oder im Sommer plötzlich daran erinnern, dass alles möglicherweise auch ganz anders kommen kann.

Da Mario Draghi auch innerhalb der EZB Kritik entgegenschlägt, ist das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch lange nicht gesprochen und die hitzige Diskussion über das Für und Wider eines Ankaufs von Staatsanleihen durch die Notenbank wird uns sicher noch eine Weile erhalten bleiben.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

Leave a comment: