Freibrief? Warnschuss oder Zeichen an der Wand?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 16. Januar 2015

Die Nachricht ist raus und sie schlug gestern wie eine Bombe ein. Nun darf fleißig über die Gründe spekulierte werden, welche die Schweizerische Nationalbank (SNB) dazu bewogen haben, ihren Kampf gegen die an sich unvermeidliche Aufwertung des Franken aufzugeben.

Vordergründig sind die ‚Gründe‘ benannt. Die eidgenössische Wirtschaft habe sich in den vergangenen Jahren an die veränderte Situation angepasst und Vorsorge für eine weitere Aufwertung des Franken getroffen.       

Wenn der Franken in Zukunft aufwerte, treffe dies die exportabhängigen Firmen nun nicht mehr so hart. Aus diesem Grund sei ein weiteres Festhalten an der Politik der SNB, den Wechselkurs des Franken zum Euro nicht unter 1,20 fallen zu lassen, nicht mehr erforderlich.

Die Aktienhändler in Zürich schienen diese Einschätzung ihrer Notenbank im ersten Moment nicht zu teilen. Ansonsten ist schwer verständlich, warum die Aktien spontan 14 Prozent ihres Wertes verloren.

Andere Länder, gleiche Unsitten?

Die eigene Währung starr an das Geld eines anderen Staates oder Staatenverbunds zu binden, ist historisch betrachtet selten eine gute Entscheidung gewesen. Immer wieder endete der Versuch katastrophal und am Ende war der Schaden größer als der zwischenzeitliche Erfolg. So auch diesmal?

Auch wenn es im ersten Moment so scheinen mag, als würden Länder wie Argentinien, Brasilien oder Thailand aus der Ferne grüßen lassen, liegen die Dinge im Fall der Schweiz anders, denn die Eidgenossen sind keinesfalls zum Kreis jener schwachen Länder zu zählen, die ihrer Landeswährung durch eine Koppelung an eine ausländische Devise künstlich Stärke verleihen wollen.

Wenn man die Situation der Schweiz mit einem anderen Land vergleichen will, dann bietet sich eher China an, denn auch das Reich der Mitte hat zum Schutz seiner Exporte jahrelang den Yuan künstlich schwach gehalten. Es ging in beiden Fällen nicht darum, der Welt nicht vorhandene Stärke vorzuspielen, sondern schwach zu wirken, um die eigene Stärke gegenüber den anderen nicht allzu offensichtlich werden zu lassen.

Damit ist im Fall der Schweiz nun Schluss und auch China hat längst erkannt, dass es wenig Sinn macht, Produkte aufwendig zu produzieren und sie dann quasi für nichts in die Welt hinaus zu verschenken, weil der Gegenwert der Währungen, die man vom Käufer seiner Produkte als Gegenleistung erhält, das Papier nicht wert ist, auf dem sie gedruckt sind.

Wenig verkaufen oder besser viel verschenken?

Im übrigen Europa ist man noch nicht so weit. Hier herrscht immer noch der Glaube vor, es sei vorteilhaft Autos und Maschinen nach Spanien oder Griechenland zu liefern und im Gegenzug als Kompensation dafür „werthaltige“ Schuldverschreibungen der Importnationen zu erhalten.

Die Logik des Verschenkens durch fingierte Exporte, die mit Schuldtiteln zweifelhafter Qualität vergütet werden, ist in der Tat nur schwer zu durchbrechen, weil das absichtslose Nichtstun in unserer Gesellschaft so verpönt ist.

Man erntet mehr Anerkennung und Respekt, wenn man von der Früh bis spät in die Nacht hinein wie ein Besessener schafft und dafür am Ende mit etwas belohnt wird, das nichts oder zumindest nicht viel wert ist, als wenn man sich von vornherein entschließt, nichts zu tun und für dieses Nichtstun auch nicht honoriert zu werden.

Der eine bekommt die gesellschaftliche Anerkennung und ruiniert am Ende möglicherweise seine Gesundheit, der andere geht entspannt im Wald spazieren oder spielt mit den eigenen Kindern und erntet dafür die offene oder versteckte Verachtung unserer „Leistungsgesellschaft“, weil er nichts oder nicht viel schafft.

Willkommen in der Fülle des Nichts

Welcher Weg der gesündere ist, dürfte eigentlich recht schnell klar sein. Dass der andere dennoch gerne gegangen wird, liegt wohl daran, dass die bunten Zettel, die wir Geld nennen und denen wir immer noch einen inneren Wert zuschreiben, uns zu sehr in ihren Bann ziehen.

Die Freude über noch mehr bunte Zettel mit dem aufgedruckten Eurosymbol bzw. ihrem elektronischen Pendant ließ die Märkte gestern wieder steigen, nachdem der erste Schock einigermaßen verdaut war.

Der Warnschuss war verhallt und der Freibrief für noch mehr Geld und damit für noch höhere Kurse anscheinend ausgestellt. An mögliche spätere Konsequenzen zu denken, besonders jene der unangenehmen Art, dafür fehlte den Anlegern gestern die Zeit und auch die nötige Muße.

Die Kurse stiegen und jeder, der Aktien besaß, durfte sich von Minute zu Minute reicher fühlen. Ein schönes Gefühl, gewiss, doch leider nur ein Gefühl. Wenn sich am Markt erst einmal die Erkenntnis der Schweizer Nationalbank durchsetzt, dass die vielen Euros, die man über die Jahre hinweg angehäuft hat, nicht jenen inneren Wert haben, den man sich lange Zeit erhofft hat, droht Ungemach und jeder normale Mensch sollte bestrebt sein, der dann panisch zum Ausgang stürmenden Masse nicht im Weg zu stehen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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