Allmächtige Notenbanken und andere Tagträume

Bernd Heim
By Bernd Heim / 19. Januar 2015

Die Entscheidung der Schweizer Nationalbank (SNB), den Franken nicht mehr länger an den stürzenden Euro zu binden, ist nun schon ein paar Tage alt. Vorbereitet waren auf sie nur die wenigsten Marktteilnehmer. Entsprechend groß fiel die Überraschung aus und die Schockwellen, die dieses Ereignis in alle Welt ausgesandt hat, werden uns auch noch in den kommenden Tagen und Wochen beschäftigen.

In einer ersten Reaktion auf den Schock wurde die SNB von vielen Anlegern und Kommentatoren in Grund und Boden verdammt, denn sie hatte reagiert, wie die Notenbanken früher zu reagieren pflegten: einfach so, ohne den Markt vorher zu fragen oder gar zu informieren.       

Dieses Verhalten ist man heute nicht mehr gewöhnt, seit die westlichen Notenbanken, allen voran die amerikanische FED, die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan, dazu übergegangen sind, den Anlegern unangenehme Wahrheiten nur schrittweise und in homöopathischen Dosen zu verabreichen.

Auf der Seite der Anleger hat dies zu einer Form von „gelebter Sorglosigkeit“ geführt, die am Donnerstag der letzten Woche hart bestraft wurde und die nun zu einem bitteren Erwachen geführt hat.

Schuld waren natürlich wie immer die „anderen“, also in diesem Fall die Schweizer Notenbank und nicht der, der schläft. Wäre ja noch schöner, wenn die Investoren jetzt auch noch für ihre eigene Blauäugigkeit zur Verantwortung gezogen würden.

Enttäuschtes Vertrauen wirkt lange nach

‚Wovon träumst du eigentlich nachts, wenn es tagsüber schon so heftig ist?‘, möchte man manch einen Anleger dieser Tage fragen. Solange sich Länder unterschiedlich entwickeln, wird es immer Schwankungen geben, Fluktuationen zwischen zwei verschiedenen Währungen, aber auch Turbulenzen innerhalb eines größeren Länder- bzw. Währungsblocks wie der Europäischen Union bzw. der Euro-Zone.

Zu glauben, dass eine allmächtige Notenbank in der Lage sei, dieses beständige Auf und Ab zum Wohle des Marktes von diesem fernzuhalten, ist zumindest naiv, wenn nicht gar vollkommen realitätsfremd. Auch das erklärt ein wenig die harschen, aus der Enttäuschung geborenen, Reaktionen der vergangenen Woche.

Noch lecken die Anleger ihre Wunden und wie in einem Trauerprozess tasten sie sich erst nach und nach an die veränderte Situation heran. Erst will man das Geschehen nicht wahrhaben, dann sucht man nach einem Schuldigen und erst mit der Zeit, wenn etwas Abstand eingekehrt ist, kommt man in die Lage, das Geschehen zu akzeptieren und mit der veränderten Welt zu leben.

Wir befinden uns derzeit noch in einem sehr frühen Stadium. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass das nicht wahr haben wollen und die Suche nach einem Schuldigen die Gedanken beherrschen.

Für jeden Anleger wird es nun darauf ankommen, wie schnell oder wie langsam er auf die veränderte Situation reagiert und sich auf die neue Lage einstellt. Schnell zu sein, hat an dieser Stelle gewiss Vorteile, denn es ist nicht zu erwarten, dass die alten Gegebenheiten noch einmal zurückkehren werden.

Auch Notenbanker sind keine allmächtigen Götter

Prägend für unsere Zeit ist die Ansicht, dass man jedem erdenklichen Problem mit Geld Herr werden kann. Entscheidend ist angeblich nicht die Art oder die Größe des Problems, sondern allein die Menge des zur Verfügung stehenden Geldes.

Dieser, vermeintlich in Stein gemeißelte, ‚Glaubenssatz‘ hat in der vergangenen Woche Erschütterungen erfahren müssen, die durchaus geeignet sind, seine Fundamente zu beschädigen, und zwar nicht nur ein bisschen zu beschädigen, sondern so weit zu zerstören, dass auch das gesamte auf ihm aufgebaute Gedankenkonstrukt am Ende nicht mehr tragbar ist.

Die Schweizer Nationalbank hat erkannt, dass sie weder über die Macht noch die finanziellen Ressourcen verfügt die Welt zu retten. Man sah sich nicht einmal mehr in der Lage die Euro-Zone zu stützen, geschweige denn sie zu retten.

So taten die Notenbanker in Bern das, was in vergleichbaren Situationen immer die Maxime eines ethisch verantwortungsbewussten Handelns gewesen ist: dem Rettbaren den Vorzug vor dem Unrettbaren zu geben.

Dass derartige Situationen nicht immer schmerzfrei vonstattengehen, sondern auch für den zu rettenden mit erheblichen Schmerzen verbunden sein können, das weiß jeder Unfallarzt, der schon einmal in der Verlegenheit war, zwei Schwerverletzte vorzufinden und nur einen von ihnen retten zu können.

Übertragen auf die aktuelle Lage an den Finanzmärkten könnte man die Situation auch so umschreiben: Die Notärzte der SNB haben sich dafür entschieden, dem rettbaren Franken und der rettbaren Schweiz den Vorzug vor dem unrettbar verlorenen Euro zu geben. Das sollte uns Deutschen zu denken geben.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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