Nun müssen die Anleger Farbe bekennen

Bernd Heim
By Bernd Heim / 21. Januar 2015

Schaut man allein auf die Schlussstände, dann ist die Welt im DAX in bester Ordnung, denn noch immer können wir steigende Schlusskurse vermelden. So hoch wie gestern hat der deutsche Aktienindex noch nie geschlossen. Das ist sicher ein Grund zur Freude hat einen gewissen Beigeschmack, denn noch ist nicht klar, ob es nicht nur eine Freude auf Zeit ist.

Am Donnerstag verkündet die Europäische Zentralbank ihre Entscheidung zu den geplanten Staatsanleihekäufen. Der Markt hat hier seit Wochen eine klare Meinung, die in den letzten Tagen zu den massiven Kurszuwächsen geführt hat, auf die wir nun zurückschauen.      

Das Ereignis selbst ist nicht mehr fern und so verwundert es nicht, dass der Schwung schon zwei Tage bevor EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag vor die Presse treten und die Entscheidung der Zentralbank erläutern wird allmählich nachlässt.

Gerade weil die Anleger derzeit so offensichtlich auf das Ereignis hintraden und die Masse bereits auf steigende Kurse gesetzt hat, ist am Donnerstag selbst mit Rückschlägen zu rechnen, denn wenn das Ereignis, auf das alle Welt gewettet hat, eingetreten ist, ist es auch an der Zeit, die Longpositionen glattzustellen und die aufgelaufenen Gewinne mitzunehmen.

Die Anleger haben die Latte für die EZB sehr hoch gelegt

Mit Rückschlägen ist zum Ende der Woche nicht nur deshalb zu rechnen, weil ein Ereignis, das alle erwartet haben, am Ende auch eingetreten ist. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Erwartungen, die in den vergangenen Wochen an die EZB gerichtet wurden, sehr hoch sind.

Der Markt rechnet nicht nur damit, dass die Europäische Zentralbank Staatsanleihen kaufen wird. Er rechnet auch damit, dass die Notenbank es im großen Umfang tun wird und dass die Käufe relativ schnell und zeitnah erfolgen werden.

Die Entscheidung der Schweizer Nationalbank (SNB) aus der Vorwoche, den Franken nicht mehr an den Euro zu binden, spricht dafür, dass der Markt mit seiner ersten Erwartung richtig liegt und es am Donnerstag in Frankfurt zu einer entsprechenden Entscheidung kommen wird.

Damit ist allerdings noch nicht gesagt, dass auch die weiteren Erwartungen realistisch sind. Die Anleger haben ihre Erwartungen so hoch angesetzt, dass die EZB sie kaum noch wird übertreffen können. Das Potential für eine positive Überraschung ist damit verhältnismäßig klein. Umso größer ist die Gefahr schwer enttäuscht zu werden.

Beschließt die EZB ihre Anleihekäufe nur in einem Maß, dass die Investoren als nicht ausreichend empfinden, ist ebenso mit Abschlägen zu rechnen, wie in dem Fall, dass die Käufe zwar beschlossen werden, aber erst etwas später im Jahresverlauf in Angriff genommen werden sollen.

Die Enttäuschung als Chance

Sollte es am Donnerstag zu den obligatorischen Gewinnmitnahmen kommen, muss damit gerechnet werden, dass zumindest ein Teil der Punkte, die in den letzten fünf Handelstagen hinzugewonnen wurden, wieder abgegeben werden.

Der DAX könnte sich zum Ende dieser Woche also erneut der runden 10.000 Punkte Marke annähern. Dieses Mal allerdings von oben. Kommt dann am Sonntag bei der Wahl in Griechenland auch noch die falsche Partei an die Macht, könnten die Kurse zu Beginn der neuen Woche sogar wieder vierstellig sein.

Falls Sie sich jetzt fragen, welche Partei am Sonntag die Parlamentswahl in Griechenland gewinnen oder besser nicht gewinnen sollte, so möchte ich antworten, das ist so gut wie egal. Sehen sie es ein bisschen so wie den Ölpreis. Der taugt im Moment auch als „Begründung“ für steigende oder fallende Aktienkurse, egal ob er selbst gerade steigt oder fällt.

In Athen wird es am Montag kaum anders sein, will heißen: Der Markt wird sich die ihm passende Begründung schon zurechtzimmern. Damit wird die zu erwartende Kursdelle zu einer Chance, denn sie eröffnet die Möglichkeit noch einmal preiswerter in den Markt einzusteigen.

Dem Markt vorsichtig folgen

Wer schon auf steigende Kurse gesetzt hat, für den bietet es sich jetzt an einen Teil der Gewinne vom Tisch zu nehmen oder die gesamte Position mit Stopps eng abzusichern, damit man am Donnerstag nicht unangenehm überrascht wird.

Wer jetzt noch nicht investiert hat, der wartet besser den Donnerstag ab. Steigt der Markt auch nach der EZB-Entscheidung weiter, kann vorsichtig zugekauft werden. Fällt der DAX wieder, weil die Anleger Gewinne mitnehmen, kann in die Gegenbewegung hinein ebenfalls vorsichtig zugekauft werden, wenn Anzeichen für eine Bodenbildung zu erkennen sind. Letzteres hat den Charme, dass dann preiswerter zugekauft werden kann.

Zu achten ist in beiden Fällen auf ein solides Risikomanagement. Lassen Sie Haus und Hof unangetastet und gehen Sie nur mit Positionen in den Markt, die Sie schnell und leichten Herzens wieder schließen können, sollte es doch anders kommen, als Sie es zunächst erwartet haben.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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