Frisches Geld und ein neues Thema bitte

Bernd Heim
By Bernd Heim / 22. Januar 2015

Das Schöne am morgigen Donnerstag ist, dass das Thema ‚Staatsanleihekäufe der EZB‘ danach erst einmal durch ist, egal, wie sich die Zentralbank entscheiden wird und egal, in welcher Höhe die Käufe letztendlich durchgeführt werden. Die Käufer im DAX müssen sich in den kommenden Tagen ein neues Thema aussuchen, soll die Rallye nicht mangels positiver Nachrichten auf halbem Weg stecken bleiben.

Dass die Nachrichten den weiter steigenden Kursen dann zwar wieder nur hinterhergeschoben werden, steht zwar auf einem anderen Blatt, aber es macht sich in der öffentlichen Wahrnehmung immer viel besser, wenn man impulsartige Bewegungsmuster auch anderweitig unterfüttern kann als „nur“ mit einem Hinweis auf die charttechnische Ausgangslage.

Kommt das viele neue Geld der Notenbank, wovon auszugehen ist, muss es zwangsläufig irgendwo hin. Folgt das Geld den Vorstellungen der Europäischen Zentralbank, fließt es nach und nach in Form von frischen Krediten in den Wirtschaftskreislauf und kurbelt die Wirtschaft an.

Dieses Ziel wurde in den Jahren seit 2008 Jahren immer wieder ausgegeben, um die Geldflut zu legitimieren. Wirklich angekommen ist die Masse des frisch geschöpften Geldes dort jedoch noch nicht. Wäre es anders, würde sich die EZB heute nicht so verzweifelt gegen angeblich zu niedrige Inflationsraten stemmen.

Die Spur des frischen Geldes zeigt sich in den Charts

Wer den Weg des Geldes verfolgen will, der schaut sich am besten die Charts der großen europäischen und amerikanischen Indizes an. Sie kannten allen kurzzeitigen Irritationen und Rückschlägen zum Trotz seit der Finanzkrise nur den Weg nach oben.

Dass das nun neu zu schaffende Geld einen anderen Weg nehmen und eine gänzlich andere Wirkung haben soll, ist zwar prinzipiell möglich, aber dennoch nur schwer vorstellbar. Der Markt, so hat man in diesen Tagen den Eindruck, kann sich ein derartiges Szenario nicht vorstellen, weil er es sich gar nicht vorstellen will.

Die Gleichung: Mehr Zentralbankgeld gleich höhere Aktienkurse ist in den Köpfen der Anleger angekommen und gleich dem pawlowschen Hund, dem das Wasser im Mund zusammenläuft, wenn nur die das Futter ankündigende Klingel ertönt, treibt, wie in diesen Tagen schön zu beobachten, alleine die Aussicht auf frisches Geld den Markt in noch nicht gekannte Höhen.

Was soll dann erst werden, wenn das Geld wirklich im Markt ankommt? Das ist die entscheidende Frage nach den obligatorischen Gewinnmitnahmen am Donnerstag, wenn das Ereignis, auf das die Investoren lange Zeit spekuliert haben, tatsächlich eingetroffen ist.

Wenn das Geld am Donnerstag da ist, fehlt nur noch der Grund

Man kann es drehen und wenden, wie man will, aber der Bedarf an einem neuen Thema ist ebenso gegeben, wie der Anlagenotstand. Das Geld fließt in Masse immer dorthin, wo die höchsten Renditen zu erzielen sind, und wenn die Realwirtschaft als weniger aussichtsreich empfunden wird als die Finanzmärkte, dann kann man sich an den fünf Fingern einer Hand abzählen, wohin das viele neue Geld am Ende wohl fließen wird.

Zwar sollte der Aktienmarkt eigentlich im Großen und Ganzen der Wirtschaft folgen und diese mehr oder angemessen widerspiegeln, doch keine Regel ohne Ausnahme, auch nicht ohne Ausnahmen, die sehr lange anhalten können und sich wider Erwarten zunächst als sehr beständig erweisen.

Kurzfristig mag es so aussehen, als würde der Markt das Thema ‚frisches Geld von der EZB‘ am Donnerstag erst einmal vom Tisch nehmen und in der neuen Woche durch eines der beliebten Angstthemen, beispielsweise den ‚Wahlausgang in Griechenland‘ ersetzen. Fest damit rechnen würde ich nicht.

Kommen die positiven Gründe am Ende gar aus Griechenland?

So schrecklich können die Griechen gar nicht wählen und so schlimm kann sich die neue Regierung in Athen in den kommenden Monaten gar nicht aufführen, dass sie den Anlagenotstand für das frische Geld aus dem Nichts dauerhaft beseitigen könnten.

Der Markt ist also geradezu dazu verdammt, ein neues Thema zu finden. Er muss es finden und er wird es finden und gerade eine extrem linke Regierung in Athen könnte ihm dabei behilflich sein. Sie können sich das nicht so recht vorstellen?

Nun, dann hilft vielleicht ein Blick zurück in die Jahre 2002 und 2003. Damals wurde in Brasilien zum ersten Mal ein Sozialist Präsident. Vor der Wahl fürchteten die Börsen der Welt, angeführt von der altehrwürdigen Wall Street, den Untergang des Abendlandes.

Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass Luiz Inácio da Silva, genannt Lula, eine Wirtschaftspolitik betrieb, die sehr förderlich für sein Land und die in ihm ansässigen Unternehmen war. Für die Kurse war das ein Treibsatz der Extraklasse und selbst Indexschwergewichte wie Ölförderer Petrobras verdoppelten sich auf Jahresfrist.

Warum soll sich im Athen des Jahres 2015 nicht Ähnliches wiederholen und wenn nur die abgeschwächte Variante des ‚es ist doch nicht so schlimm gekommen, wie ursprünglich befürchtet‘ gespielt wird.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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