Wir brauchen nur noch einen Grund zum Steigen, das viele neue Geld ist endlich da

Bernd Heim
By Bernd Heim / 23. Januar 2015

Man gebe uns nun bitte einen neuen Grund zum Spekulieren, das ist alles, was wir brauchen. Das notwendige Geld kommt in Zukunft von der EZB. Es kommt sogar viel mehr Geld als ursprünglich erwartet und das wird die Preise ganz sicher treiben. So oder ähnlich werden gestern viele Anleger gedacht haben, als EZB-Präsident Mario Draghi in Frankfurt vor die Presse trat und die Entscheidung der Europäischen Zentralbank bekannt gab.

Die europäischen Währungshüter haben also geliefert, was zuvor alle von ihnen erwartet haben und nicht nur das: Sie haben sogar deutlich mehr geliefert, als selbst die Optimisten unter den Anlegern erhofft hatten.

Angesichts dieser Umstände sollte man meinen, dass der Markt gejubelt hat und die Stimmung bestens war. Nun, er hat in der Tat gejubelt und die Käufer haben den DAX auf ein neues Rekordhoch getrieben. Allerdings taten sie dies erst nach einer gewissen „Schrecksekunde“, in der sie sich und ihre Gedanken erst einmal neu sortieren mussten.

Vor, während und unmittelbar nach der Pressekonferenz der EZB zackte der DAX wild hin und her. Diese extremen Ausschläge zeugen nicht nur von überschäumender Freude, sondern sie verdeutlichen auch die Unsicherheit, welche die Anlegerschar inzwischen erfasst hat.

Ein ganz besonderer „Feiertag“

Es kommt nicht allzu oft vor, dass der DAX in einer Minute eine Wegstrecke von fast 100 Punkten zurückgelegt. Gestern war einer dieser Tage, und wenn Sie bedenken, dass wir im letzten Jahr Tage gesehen haben, an denen der deutsche Leitindex über den gesamten Tag nicht mehr als 40 oder 50 Punkte geschwankt ist, dann wird auch dem Außenstehenden schnell deutlich, welche eine wilde Achterbahnfahrt in den Minuten nach der Pressekonferenz auf dem Frankfurter Börsenparkett zur Aufführung gekommen ist.

Die schwankungsarmen Handelstage im Jahr 2014 waren überwiegend Feiertage und auch der gestrige Tag kann im übertragenen Sinn als „Feiertag“ gewertet werden. Aus einem klassischen Feiertag mit Börsenhandel Rückschlüsse auf das weitere Geschehen und die Kursentwicklung der nächsten Tage zu ziehen, ist oftmals sehr schwierig, weil klare Bewegungsmuster fehlen und das Volumen nicht besonders hoch ist.

Der gestrige „Feiertag“ ist ebenfalls zu den schwer einzuschätzenden Handelstagen zu zählen und das liegt keineswegs an einem zu geringen Handelsvolumen. Die Anleger werden wohl noch einige Tage benötigen, bis sie sich in Masse darüber klar geworden sind, was die Entscheidung der Europäischen Zentralbank für sie und für die weitere Entwicklung des Marktes bedeuten könnte.

Das bevorstehende Wochenende ist die nächste Zäsur und es ist naheliegend, dass die Investoren die freien Tage dazu nutzen werden, auch über die langfristigen Folgen der gestrigen EZB-Entscheidung nachzudenken. Insofern könnten wir eigentlich ab Montag mit ersten Ergebnissen dieser Überlegungen rechnen.

Am Montag überlagern sich wieder die Ereignisse

Da zeitgleich jedoch in Griechenland ein neues Parlament gewählt wird, und der Markt am frühen Montagmorgen auch den Ausgang der Wahl in die Kurse mit einpreisen wird, werden beide Motive auf die Feststellung der Kurse Einfluss nehmen.

Es wird nicht möglich sein, den steigenden oder fallenden Markt ausschließlich auf eine neue Bewertung der EZB-Entscheidung vom Donnerstag oder auf den Ausgang der Parlamentswahl in Griechenland zurückzuführen.

Beide Elemente werden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit überlagern. Sie können sich gegenseitig verstärken, sie können sich aber auch ganz oder zumindest teilweise wieder neutralisieren. Das ist insofern schade, als die Entscheidung der EZB für die Märkte auf lange Sicht mit Sicherheit das bestimmendere und damit wichtigere Thema sein wird.

Heute wurde zunächst gejubelt. Ob dieser Jubel Bestand haben wird oder ob sich in ihn hinein zunehmend kritischere Töne mischen, das zu beobachten und genau zu analysieren wird die Aufgabe der nächsten Tage und Wochen sein.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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