Willkommen im Land der aufgehenden Kurse

Bernd Heim
By Bernd Heim / 26. Januar 2015

Das neue Jahr ist noch keine 30 Tage alt und Saudi-Arabien hat schon einen neuen König, die Griechen haben ein neues Parlament gewählt und die Anleger im DAX endlich das viele Geld bekommen, in dem sie unbekümmert baden können.

Die Folge: Nicht unbedingt Wohlstand für alle, wie Ludwig Erhard es sich einst auf die Fahne geschrieben hat, sondern das ‚Dagobert Duck Badezimmer-Gefühl‘ für alle, weil wir uns reicher fühlen, wenn wir noch mit größeren Zahlen um uns werfen und in noch mehr Papiergeld baden können.     

Wir schreiben zwar erst den 26. Januar, doch irgendwie fühlt man sich wie im Dezember kurz nach der Bescherung und vielleicht sollten wir wirklich die gerade erst weggeräumte Weihnachtsbeleuchtung schnell wieder hervorkramen und aufhängen, denn wenn der Januar schon so schön und so spendabel beginnt, wie mögen dann erst der Februar, März und April werden?

Aber bevor sie jetzt in den Keller stürmen oder zu ihrem Schränken eilen, um die gerade erst verstauten Lichterketten wieder hervorzuholen, lassen Sie uns noch schnell einen Blick auf Japan werfen, denn dort hat man vieles von dem, was uns noch bevorsteht, schon lange hinter sich.

Shinzo Abe: Was wir vom japanischen Mario Draghi lernen können

Im Land der aufgehenden Sonne haben sich die Aktienkurse in den letzten zwei Jahren grob verdoppelt. Am 12. November 2012 stand der Nikkei noch bei 8.837 Punkten, heute, etwas mehr als zwei Jahre später, liegen die Kurse im Bereich von 17.500 Punkten.

Das nennt man dann wohl Aufschwung, und wenn ich Sie jetzt frage, ob Sie sich vorstellen können, dass unser DAX im Mai 2017 bei rund 19.800 Punkten steht, dann werden Sie vermutlich nur ungläubig den Kopf schütteln und sich fragen, was man mir heute Morgen wohl in den Kaffee geschüttet haben mag.

Außerdem werden Sie sich möglicherweise fragen, ob Sie versehentlich die Lösung der japanischen Konjunkturprobleme verschlafen haben, weil Sie den starken Anstieg des Nikkei gar nicht so richtig mitbekommen haben.

Nun, was diese Sorge betrifft, kann ich Sie beruhigen: Sie haben – abgesehen von der liquiditätsgetriebenen Hausse in Tokio nichts verpasst, zumindest nichts Wesentliches. Die Probleme im Land der aufgehenden Sonne und der heißgelaufenen Druckerpressen sind immer noch die gleichen wie in den Tagen vor dem großen Geldsegen. Nicht eines wurde wirklich zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst.

Die Lösung aller Probleme: Wer nicht reich ist, der fühlt sich einfach reich

Dafür gibt es aber jetzt mehr Geld und höhere Aktienkurse. Wer im November 2012 fünfzig oder hundert Mitsubishi, Sony oder Nippon Steel Aktien besaß und diese bis heute nicht verkauft hat, der hat auch heute noch fünfzig oder hundert Mitsubishi, Sony oder Nippon Steel Aktien. Einziger Unterschied: Er darf sich nominal etwas reicher fühlen.

Wenn sich die japanischen Verhältnisse in den kommenden 27 Monaten hier bei uns in Europa wiederholen sollten, dann sollte man jetzt keine Zeit verlieren und schnell so viele Aktien wie nur möglich ordern.

Viel falsch machen kann man ja eigentlich nicht, denn wenn wir uns den Aktienmarkt als eine große Badewanne vorstellen, in welche die Notenbanken beständig neues Wasser einlaufen lassen, dann müssen zwangsläufig alle Boote steigen, die guten und soliden ebenso wie die alten Pötte, von denen man nicht so genau weiß, ob sie den weiten Weg zum Schiffsfriedhof noch aus eigener Kraft werden zurücklegen können.

Immer daran denken: Jeder Tsunami hat seine Folgen

Aber auch wenn es Ihnen jetzt ganz kräftig in den Fingern juckt und Sie den unlimitierten Kaufauftrag für alles und jedes gedanklich schon freigegeben haben, schauen Sie lieber noch ein zweites Mal nach Fernost und vertiefen Sie sich ruhig für einige Minuten in den Chart von Tokyo Electric Power.

Die Geldhausse der letzten zwei Jahre ging an Tokyo Electric Power, Ihnen vermutlich besser unter dem Kürzel ‚Tepco‘ bekannt, und seinen Aktionären mehr oder weniger spurlos vorbei. Der Grund? Ganz einfach: Japan braucht jede Menge Papiergeld. Aber Atomstrom braucht man seit der Reaktorkatstrophe von Fukushima nicht mehr.

Übertragen auf die deutschen Verhältnisse heißt dies: auch wenn in den kommenden Jahren die Kurse in Frankfurt in ungekannte Höhen steigen sollten: Wer nicht mit einem Indexfonds oder einem Derivat den breiten Index kauft, der wird auch hierzulande um eine solide Aktienauswahl nicht herumkommen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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