Irritationen? Welche Irritationen?

Bernd Heim
By Bernd Heim / 27. Januar 2015

Die Anleger im DAX kümmert derzeit gar nichts. Falsch! Die Anleger im DAX kümmert derzeit gar nichts, außer dem vielen Geld, das die Europäische Zentralbank zur Aufrechterhaltung der Spekulation und zur Bekämpfung der Deflation bereitstellen will. Alles andere ist derzeit mehr oder weniger nebensächlich.

Dass die Kämpfe in der Ostukraine wieder aufflammen und immer verbissener geführt werden, verkommt ebenso zu einer Randnotiz wie das Wahlergebnis in Athen. Das ist einerseits verständlich, birgt aber auch ein gewisses Gefahrenpotential in sich.

Wer als Anleger schon länger am Markt agiert, der kennt die Mahnung, sich mit seinen Aktionen nicht gegen die FED zu stellen. Die FED steht dabei nicht nur für die US-amerikanische Notenbank, sondern im Grunde weltweit für alle Zentralbanken, große wie kleine.

Kämpfe niemals gegen die Notenbank

Der Januar 2015 liegt noch nicht ganz hinter uns, doch er hat große Chancen als ein Monat in die Geschichte einzugehen, in dem die Märkte durch Entscheidungen der Notenbanken gleich zweimal erheblich beeinflusst wurden.

Der Beschluss der Schweizer Nationalbank, den Franken nicht mehr mit einem fixen Wechselkurs an den Euro zu binden, hat die Devisen- und Aktienmärkte vor zehn Tagen ordentlich durcheinandergewirbelt und viele Anleger auf dem falschen Fuß erwischt.

Nicht ganz so unerwartet kam die Ankündigung der EZB, Staatsanleihen zu kaufen. Seit der Beschluss verkündet wurde, steigen die Kurse noch ungehemmter als zuvor. Unberechtigt ist der Anstieg keineswegs, denn wer in die Charts der amerikanischen Indizes, beispielsweise den Dow Jones oder den S&P500 die Beginne der jeweiligen QE-Programme der FED einzeichnet, der sieht anschließend die Kurse auf breiter Front steigen.

Insofern ist es berechtigt, der Wahl in Griechenland nicht über Gebühr Bedeutung für die Kurse der nächsten Tage beizumessen. Der neue griechische Ministerpräsident, Alexis Tsipras mag ein guter oder ein schlechter Regierungschef werden. Das Zeug dazu einem Mario Draghi an den Märkten den Rang abzulaufen, wird er nur dann haben, wenn es ihm gelingt, den Euro endgültig zum Scheitern zu bringen.

Der Elefant steht schon wieder vor dem Porzellanladen und betrachtet interessiert das Schaufenster

Das ist durchaus im Bereich des theoretisch Möglichen, denn in Athen haben sich ausgerechnet die beiden populistischen Extreme zu einer neuen Zweiparteienkoalition zusammengefunden. Doch die Börse rechnet im Moment mit dieser Möglichkeit nicht.

Sie verschwendet nicht einmal den Hauch eines zweifelnden Gedankens daran, dass die Lösung des europäischen Schuldenproblems auch anders als in Gestalt einer alle Beteiligten das Gesicht wahren lassenden Kungellösung daherkommen wird.

Politisch haben wir es allerdings schon oft erlebt, dass gerade die Verbindungen zweier höchst unterschiedlicher Partner nicht immer harmonisch und reibungsfrei ablaufen. Schnell wird mitunter die dringende Notwendigkeit zur öffentlichkeitswirksamen Selbstprofilierung verspürt.

Dabei ist es prinzipiell egal, ob nur einer oder beide Partner diese Notwendigkeit empfinden. Es reicht, wenn nur es einer tut und sein psychologisches Problem in die Medien trägt. Die Irritationen lassen dann meist nicht lange auf sich warten.

Das ist die Gefahr für die Anleger im DAX in der nächsten Zeit. Der Index eilt nun schon seit einer Woche von einem Allzeithoch zum nächsten und eine vorübergehende Abkühlung wäre eigentlich wünschenswert.

Sie kam zwar bislang nicht, aber das heißt nicht, dass sie nicht irgendwann kommen wird. Es fehlt im Grunde nur noch das auslösende Ereignis und für das könnte ein markiger Spruch aus Athen, gefolgt von einer übereilten Entscheidung, jederzeit sorgen.

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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