Das Lachen der Aktionäre sind die Tränen der Sparer

Bernd Heim
By Bernd Heim / 28. Januar 2015

Die Börsen jubeln und die Kurse steigen, dank frischem Geld von der EZB, doch die Zeche zahlt mal wieder die Masse der Sparer. Ihr hart verdientes Geld ist weder krank noch irgendeiner linksradikalen Gewerkschaft beigetreten und arbeitet dennoch nicht mehr.

Es wird auch so schnell nicht mehr arbeiten, denn ein Anstieg der Zinsen zurück auf ein halbwegs normales Niveau ist auf Jahre hinaus faktisch ausgeschlossen. Müssten die heutigen Finanzminister auf die von ihnen begebenen „sicheren Staatsanleihen“ jene Zinssätze bezahlen, die noch in den 1990er Jahren üblich waren, wäre allein der reihenweise Ausfall von Zahlungsverpflichtungen und damit die Aneinanderreihung von Staatsbankrotten sicher.

Es mangelt uns in Europa derzeit nicht an Geld. Geld ist inzwischen so viel da, dass es aus lauter Verzweiflung mangels anderer Alternativen an die Aktienmärkte fließt. Dort steigen die Kurse, nicht weil die Unternehmen so gut verdienen und es attraktiv ist über den Erwerb einer Aktie Mitunternehmer zu werden, sondern allein deshalb, weil alle mit ihrem Geld nichts Besseres anzufangen wissen, als Aktien zu kaufen.

Die Frage nach dem handlungsleitenden Motiv

An Geld mangelt es uns also nicht. Schon eher fehlt es uns an der Bereitschaft, das viele Geld, das wir besitzen, auch auszugeben, sei es für den eigenen privaten Konsum oder es in ein wie auch immer geartetes Geschäftsvorhaben zu investieren. Hier lähmt uns die Angst, nicht der Mangel an Kapital.

Angst bekämpft man nicht durch Geld, sondern durch Mut und Zuversicht und beide bilden sich im Kopf, wenn sich die eigene Wahrnehmung auf die Welt verändert. Auf einem Kreditkonto, auch nicht auf einem übermäßig aufgeblähtem, entstehen sie eher selten.

Der Aufschwung, den die Europäische Zentralbank in den Mitgliedsstaaten der Euro-Zone auslösen möchte, wird nur dann kommen, wenn er von nicht von Angst, sondern von Vertrauen und Zuversicht getragen wird.

Angst getriebene Käufe sind kurzlebige Strohfeuer, wie man an den Hamsterkäufen dieser Welt sehr schön beobachten kann. Kurzfristig steigen Umsatz und Gewinn, weil alle sich im Vorfeld einer erwarteten Katastrophe mit den Dingen eindecken, die sie zum Überleben benötigen.

In den Tagen danach, wenn der Sturm die Küsten erreicht oder die Geschäfte aus anderen Gründen tagelang geschlossen sind, bricht der Umsatz schnell wieder in sich zusammen und erreicht nicht einmal das Vorkrisenniveau.

Echte, tragfähige Aufschwünge sehen anders aus. Die Menschen investieren, weil sie eine konkrete, positiv besetzte Idee von ihrer Zukunft haben und sie konsumieren, weil sie die begründete Hoffnung haben, sich auch morgen gewisse Dinge noch leisten zu können.

Die Krisenrhetorik der EZB fördert Angst, nicht Wachstum

Geht es nach Mario Draghi stürmen die Kunden die Bankschalter und Geldautomaten, heben ihre Guthaben ab und hauen das viele Geld endlich auf den Kopf. Noch bleibt diese Reaktion aus, noch ist sie Wunschdenken, weil die Masse weiterhin von Vorsicht geleitet wird.

Man spürt, dass es um die eigene finanzielle Zukunft nicht gut bestellt ist, und hält das Wenige, was man hat, eisern zusammen. Erst wenn die Inflation im täglichen Leben angekommen ist, wenn ein jeder fürchten muss, dass sein Geld morgen deutlich weniger wert sein wird und er sich erst recht nicht mehr das von ihm kaufen kann, was er zum Leben benötigt, wird die Flucht in die Sachwerte, die beim Gold und an den Aktienmärkten jetzt schon zu beobachten ist, zur allgemeinen Panik.

An diesem Punkt sind wir noch nicht, denn das von der EZB geschöpfte Geld versickert momentan allein im Bankenkreislauf. Dass es dort ewig verbleibt, ist nicht unbedingt zu erwarten. Früher oder später wird es – ganz oder in Teilen – in der Realwirtschaft ankommen.

Spätestens dann wird der Geist aus der Flasche entweichen, und ob die Europäische Zentralbank dann noch in der Lage sein wird, ihn zu beherrschen, dürfte auf einem ganz anderen Blatt stehen.

Sehen die jahrelang von Ängsten um ihr Geld geplagten Menschen dieses plötzlich wie Sand durch ihre Finger rinnen, könnte schnell Panik die Folge sein. Kommt es zu diesem Punkt, wird in der Tat sehr schnell sehr viel gekauft werden, weil das wichtige Grundvertrauen in die Stabilität der eigenen Währung endgültig zerstört ist.

Ob man sich vor diesem Hintergrund über die steigenden Kurse wirklich freuen soll, wird angesichts der möglichen Konsequenzen schnell fraglich, denn der Jubel der einen, ist nicht nur das Leid der anderen, sondern, wenn wir nicht aufpassen, auch die Ouvertüre zu einer allgemeinen Katastrophe.

 

About the author

Bernd Heim

Dr. Bernd Heim ist seit 1985 als Investor und Trader an den Finanzmärkten aktiv. Einem breiten Publikum ist er bekannt aus diversen Börseninformationsdiensten und als Schöpfer des 'Jay Thompsen', einem fiktiven Investmentbanker aus der 'Winsider'-Reihe.

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